Hans Urs von BalthasarDas Land der Wahrheit kann ich nur erforschen, wenn ich meinen Standpunkt ändere.

katholischer Theologe

Entwickelt von Prof. Clare W.Graves und Dr. Don Beck ist es ein Modell und eine Sprache zur Beschreibung der evolutionären Entwicklung des menschlichen Bewusstseins. Es wird verwendet, um die Werte in Individuen, Organisationen und der Gesellschaft zu deuten.

Spiral Dynamics® umfasst eine Reihe von Wertesystemen, welche aufzeigen, wie Menschen und Kulturen sich die Welt erklären. Diese Wertesysteme umfassen Motivationen, Weltbilder und Lebensregeln.

Gleichzeitig beschreibt Spiral Dynamics eine Prozess des Wandels. Dieser zeigt auf, wie Menschen auf sich verändernde Lebensumstände reagieren und welche Stadien sie dabei durchlaufen.

In unserer Gesellschaft sind heute 7 Wertesysteme von Bedeutung und aktiv, welche wir hier ganz kurz umschreiben wollen.

Dynamik

Wertesysteme entstehen, wenn sich Lebensbedingungen ändern. Jedes Wertesystem ist wunderbar geeignet für eine Kategorie von Problemstellungen, schafft aber neue Probleme höherer Komplexität, für die es selber blind ist.

Erst das darauf folgende Wertesystem ermöglicht es, diese Probleme zu lösen. Die Denkmuster, welche Menschen in diesem Wertesystem zur Verfügung stehen, erlauben komplexere Lösungsansätze.

Diese Entwicklung kann in der komplexer werdenden Gesellschaft beobachtet werden, von der Stammeskultur bis zur heutigen Gesellschaft.

Die selbe Entwicklung können wir auch im Individuum erkennen, wird doch jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit immer komplexeren Lebensbedingungen konfrontiert. Auf diese antwortet der Mensch mit der persönlichen Weiterentwicklung der Psyche.

Jedes dieser Wertesysteme entwickelt sich nur, wenn das vorhergehende Wertesystem in ausreichendem Masse durchlaufen und entwickelt wurde, baut also auf der Komplexität der vorangehenden Wertesysteme auf.

Wertesysteme

Beige

Es geht ums instinktive Überleben. Wichtig ist die Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse. Der Zeithorizont umfasst nur das Hier und Jetzt.

Heute sehen wir dieses Wertesystem in Neugeborenen, Suchtkranken und in Katastrophen, bei denen es um das nackte Überleben geht.

Purpur

Schwierige Lebensbedingungen wie Hungersnöte, kaltes Klima oder gefährliche Bedrohungen zwingen den Menschen, Sicherheit und Schutz in der Gemeinschaft zu suchen.

Es werden auch erste Erklärungen für die Welt gefunden. Meist sind diese magischer Natur und aus heutiger Sicht oft Aberglaube. Ahnengeister, Rituale und Zyklen der Natur und Jahreszeiten bestimmen das leben der Menschen.

Heute finden wir dieses Wertesystem bei Kleinkindern und Familienverbänden, in Ritualen, Märchen und Bräuchen.

Rot

Neue Herausforderungen wie die Begehung mit anderen Stämmen, aber auch die Entwicklung des Ego führen zu einem neuen Wertesystem. Wenn der Mensch sich seiner persönlichen Triebe und Fähigkeiten bewusst wird, wird die Gemeinschaft als einengend empfunden. Es entsteht eine ungezügelte Lebenslust, verbunden mit einem unbegrenzten Machtstreben. Mut, kraft und Tyrannei liegen nahe beieinander.

Kinder beginnen aus der Sicherheit des Heims die Welt zu entdecken, aber auch den eigenen Willen. Der Mut, den Spielplatz zu erobern, ist oft gepaart mit dem Ausprobieren des eigenen Willens als Hochsitztyrann. Jugendgangs, die Mafia sind heutige Beispiele roter Energie. Ihr erlauben wir aber auch unsere Entscheidungsfreudigkeit.

Blau

Um dieses unbändige Machtstreben den Griff zu bekommen und zu zähmen, das anstehende Chaos zu ordnen, entsteht Blau mit seiner Ruhe, Ordnung und Stabilität. Die Menschen erkennen, dass es der Gemeinschaft hilt, wenn Begierden beherrscht werden können.

Die Menschen organisieren sich nach dem stark einzelgängerischen Rot in neuen Verbänden und Gemeinschaften, welche nicht mehr auf Blutsbanden, sondern auf gemeinsamen Interessen beruhen.

Der Zeithorizont löst sich vom Hier und Jetzt und fokussiert auf spätere Belohnung durch einen einzigen Gott, eine absolute Wahrheit, einem richtigen Weg. Normen, Werte, gottgegebene Hierarchien bestimmen das Leben.

Neben den bekannten Glaubensgemeinschaften kann Blau auch in Ideologien wie dem atheistischen Kommunismus ausgemacht werden.

In Blau entstehen viele Strukturen, welche ein Zusammenleben und eine Zusammenarbeit in grösseren verbänden erst ermöglichen: der Staat it Gesetzen und Rechtssystemen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Auf der negativen Seite können die Regeln von Blau dogmatische Züge annehmen und die persönliche Weiterentwicklung durch Gruppenzwang und Manipulation, Schuldgefühle bei Abweichen von den Normen behindern oder sogar verhindern. Bürokratie steht der notwendigen Anpassungsfähigkeit im Wege.

Orange

Orange entwickelt sich genau deshalb, weil Blau die persönliche Entwicklung einschränkt. In Orange entsteht das Bewusstsein, dass der Mensch sein Leben auch selbst bestimmen kann. Wie Rot betont Orange die Selbstentwicklung, greift aber auf das in Blau erlernte strategische Denken zurück. Dies ist ein Beispiel, wie frühere Wertesysteme integriert und transzendiert werden.

Orange arbeitet innerhalb der Strukturen von Blau, liebt es aber, die Schlupflöcher zu entdecken. Motivation ist nicht Machtstreben, sondern der Kick und das Streben nach Erfolg. Es entstehen Meritokratien, Hierarchien basierend auf persönlichen Erfolgen, und wenn es nur die Fähigkeit ist, das Spiel zu spielen.

Das strategische, zielgerichtete Arbeiten in Richtung finanziellen Erfolgs, gepaart mit einem Machbarkeitswahn, kann blaue Strukturen gefährden und übersieht die Folgen für die Umwelt.

Grün

Oranger Individualismus erzeugt Überfluss und Einsamkeit. Haus, Job, Familie – ist dass wirklich alles? Grün ist bestrebt, dem Leben einen Sinn zu geben, inneren Frieden und Wohlergehen.

Grün strebt nach Harmonie mit Mensch und Natur und bringt Emotionen und Intuition, ja sogar Spiritualität zurück in eine materialistische Welt. Grün entsteht aber nur dort, wo genug Wohlstand vorhanden ist, dass man es sich leisten kann. Daher ist Grün heute in Zweit- und Drittweltländern kaum anzutreffen.

Die Emanzipation von Minderheiten, der Sozialstaat, und zu Beginn die 1960er zeigen die Entwicklung und Zunahme von Grün in der Schweiz und umgebenden Nationen. Grün gleicht Defizite wieder aus, die in früheren Wertesystemen entstanden sind, wie die Ungleichheit zwischen Mann und Frau, die Work-Life-Balance, die Schere zwischen Arm und Reich, die Ausbeutung der Natur zugunsten des Menschen.

In der Wirtschaft werden Hierarchien abgeflacht und es entstehen selbststeuernde Teams. Zusätzlich werden Entscheidungen getroffen, in dem alle muteinbezogen werden, was in endlose, aber auch resultatlose Besprechungen münden kann.

Die Aspekte, welche Grün in die Gesellschaft zurückbringt, sind wichtig, aber in einer von Blau und Orange dominierten Gesellschaft schwer zu vermitteln, sehen doch diese Wertesysteme die Probleme nicht, die sie verursachen. Grün reagiert oft mit Ablehnung der vorangegangenen Wertesysteme – wie es die vorangegangenen Wertesysteme ebenfalls tun. Die Motivation zum Wachstum in ein neues Wertesystem sind ja gerade die Antwortlosigkeit der vorangegangenen auf die Probleme, die sie verursachen.

Grün kämpft gegen das blaue Denken in Kategorien wie Richtig und Falsch, zerstört dadurch aber oft wertvolle Strukturen. Der Kampf gegen orange Unterschiede zwischen Gewinnern und Verlierern mit dem entsprechenden Verlust der Menschenwürde führt zur Aushöhlung des Systems, welches Wohlstand generiert. Hierarchien, seien sie machtbasierend wie in Rot, gottgegeben wie in Blau, oder erfolgsbasiert wie in Orange, werden abgelehnt. Gleichzeitig ist man blind für natürliche Hierarchien. Grün hat roten Machtansprüchen nichts entgegenzusetzen, sondern will diese im Dialog lösen und verpasst es so, unangemessenem Verhalten Grenzen zu setzen.

Gelb

Clare W. Graves stellte fest, dass Menschen an diesem Punkt ihrer Entwicklung einen enormen Schritt machen können. Sie verlieren ihre Versagensängste, gewinnen an Kreativität, und können wesentlich komplexere Probleme lösen. In diesem Wertesystem, das Gelb genannt wird, sind Menschen nicht mehr von aussen, von gesellschaftlichem Druck, oder von niederen Instinkten geleitet, sondern von Innen heraus, autonom. Sehr wenige Menschen haben heute Zugang zu diesem Wertesystem.

Eine Erkenntnis von Gelb ist, dass alle vorangegangenen Wertesysteme wertvoll und notwendig sind. So brauchen Organisationen die Schlagkraft von Rot, die Strukturen und Normen von Blau, das strategische, zielgerichtete Arbeiten aus Orange, und die grüne Sorge für den Menschen.

Komplexen Problemen wie der Klimaerwärmung oder der Migration, sei sie nun motiviert durch Krieg oder Klima, begegnet Gelb nicht mehr mit Angst, sondern einem Strauss an Lösungen aus allen Wertesystemen, welche dem gesamten System dienen.

Gelb versteht die Motivationen und Werte, welche Menschen in jedem Wertesystem antreiben, und kann so den Dialog zwischen Wertesystemen fördern. Es sieht das Leben als ein Kaleidoskop von Möglichkeiten. Diese Sichtweise verhindert, dass Gelb den anderen Wertesystemen sein Denken aufzwingen möchte. Gelb sieht sich als Begleiter, als Accompagnateur, ohne Drang, die Regie zu übernehmen. Es erkennt, dass es natürliche Hierarchien gibt, bei denen das Ganze mehr ist als die Teile und neue Charakteristika und Funktionen entwickeln kann. Die Regie führt derjenige, der für das vorliegende Teilproblem am besten ausgerüstet ist, und diese Regie wechselt.

Auch Gelb schafft neue Probleme, aber diese sind im Moment noch nicht hinreichend manifestiert. Was wir bereits sagen können: Gelb macht Dinge manchmal unnötig kompliziert.

Übergang zum gelben Wertesystem von ValueMatch

Türkis

Auf Selbstverwirklichung ausgerichtete Wertesysteme wie Beige, Rot, Orange und Gelb ziehen unvermeidlich ein WIR-System wie Purpur, Blau und Grün nach sich.

So wird auch das auf Gelb folgende Wertesystem Türkis in der Welt sichtbar. Während in Purpur die Gemeinschaft aus der Familie oder dem Stamm der Blutsverwandten bestand, waren es in Blau die gemeinsamen Interessen und in Grün die Menschheit. Türkis weitet dies aus und fühlt sich mit allem verbunden, das existiert. Es erlebt eine holistische Einheit mit Allem.

Für Türkis ist das Universum ein einziger dynamischer Organismus mit einem kollektiven Bewusstsein. Türkis ist autonom und bildet gleichzeitig eine untrennbare Einheit mit dem Ganzen. Dies zeigt sich zunehmend durch die Verbindung von Spiritualität und Wissenschaft.

Viele Menschen behaupten, türkis zu sein, aber der Anteil in der Menschheit ist noch verschwindend klein.

Beobachtungen

Wie Sie wahrscheinlich wahrnehmen können, wechseln sich Selbstverwirklichungssysteme mit Selbstaufopferungssystemen ab. Es ist eine gesunde Pendelbewegung, welche ein Gleichgewicht erstellt. mache Menschen verbringen mehr Zeit in den Selbstverwirklichungssystemen und durchlaufen Selbstaufopferungssysteme relativ schnell, und umgekehrt.

In unserer Gesellschaft und Organisationen finden sich viele Wertesysteme, und Menschen funktionieren am besten, wenn die Systeme in ihrem Umfeld zu ihnen passen.