The model we choose to use to understand something determines what we find.

Iain McGilchrist

Wenn wir das Gehirn eines Menschen betrachten, besteht es aus zwei Hälften. Diese zwei Hälften sind gegeneinander verschoben, und die eine Hälfte hinten grösser, die andere vorne.

Es gibt verschiedene Brücken zwischen den zwei klar getrennten Hälften. Eine davon ist etwa 100 mal grösser als die kleineren paar, der Corpus Colossum. Aber nur ein Bruchteil unserer Hirnzellen befinden sich in den Verbindungen.

Interessanterweise verhindert der Corpus Colossum die Kommunikation zwischen den Hirnhälften mehr, als dass er sie fördert.

Warum hat Gott den Menschen so geschaffen?

Die Beobachtung von Menschen mit Hirnschlägen oder Hirnquetschungen, die zwischenzeitlich oder für immer (fast) nur eine Hirnhälfte benutzen, deutet die unterschiedlichen Aufgaben an. Ich durfte dies aus erster Hand an unserem Sohn beobachten, nachdem er eine schwere linksseitige Hirnquetschung erlitten hatte.

Beide Hirnhälften sind an den meisten Tätigkeiten des Menschen beteiligt. Kreativität braucht beide Hirnhälften, Analyse ebenso. Die alten Vorstellungen von kreativer rechten und analytischer linken Hirnhälfte sind widerlegt.

Was zeigt sich denn nun in den Versuchen?

Die linke Hirnhälfte ist dafür da, nach Dingen zu greifen und Dinge zu begreifen, sowohl im physikalischen, als auch im übertragenen Sinn.

Die rechte Hirnhälfte ist für die Beobachtung des Neuen, Unbekannten, Überraschenden da.

Bei Vögeln ist dies leicht zu beobachten: der Vogel verwendet das rechte Auge, also die linke Hirnhälfte, um das Weizenkorn zwischen den Steinchen zu entdecken. Sein linkes Auge, also die rechte Hirnhälfte, hält Ausschau nach Überraschungen: Feinde, Freunde, Partner usw. Darin zeigt sich auch der Vorteil der geringen Verbindung: die beiden Aufgaben müssen gleichzeitig und unabhängig voneinander ausgeführt werden können.

Bei uns Menschen ist es ähnlich, wenn auch viel abstrakter.

Die linke Hirnhälfte enthält unser Weltbild, durch welches wir die Welt verstehen und daher begreifen, erklären und beherrschen können.

Die rechte Hirnhälfte baut unterdessen mit all dem Unbekannten, Unerklärlichen, Überraschenden, Abweichenden ein neues Weltbild, welches Teile des alten beinhaltet, es aber wesentlich erweitert und korrigiert.

Sobald das rechte Weltbild die Welt besser und genauer erklärt oder auch nur einen besseren Nutzen in deren Interpretation bietet, wird das rechte Weltbild in die linke Hirnhälfte übertragen. Oder so sollte es zu mindestens sein.

Dies ist ein langwieriger, oft schmerzhafter Vorgang, denn für eine Weile konkurrieren zwei Weltanschauungen in der gleichen Person, und vielem, was bisher bekannt war, wird das Fundament entzogen.

Je nach Persönlichkeit fällt dieser Schritt dem einen leichter, dem anderen schwerer. Menschen mit grosser Offenheit im „Big 5“-Persönlichkeitstest oder mit Überreizbarkeit im Sinne von Kasimierz Dabrowski haben hier Vorteile, auch wenn diese Phase bei ihnen oft wie Wahnsinn aussieht.

Diese Phase wird von den meisten Menschen gescheut. Wenn sie sich andeutet, indem erste kleine Zweifel an der bisherigen Weltanschauung aufkommen, graben sie sich ein und beginnen vehement, ihre Geschichte, ihre Erklärung der Welt zu verteidigen. Das geht so weit, dass die linke Hirnhälfte absolut dominant wird und keine Hilfe mehr von der rechten Hirnhälfte akzeptiert bei der Erklärung der Welt.

Die linke Hirnhälfte weiss genau, wie Dinge funktionieren. Sie weiss, was Dinge bedeuten. Sie ist wie ein Computer, der Fakten berechnet, und sieht die Andersartigkeit der Rechten nicht. Daher verwendet sie die rechte Hirnhälfte nur noch zur Auslagerung von Aufgaben, zur Erweiterung der Rechenpower. Sie will aber nicht mehr von den speziellen Fähigkeiten profitieren, weil sie sie gar nicht sieht oder ihren Wert nicht erkennen kann.

Das weitet sich über das Individuum hinaus aus. Die Gesellschaft wird institutionalisiert, Abläufe werden rationalisiert, die Weltsicht wird verfestigt.

Viele grosse Kulturen sind untergegangen, weil die linke Hirnhälfte die Kultur bestimmte. Wir sind mitten in einer solchen Phase, nur potenziert.

Im Moment kämpfen drei grosse Erklärungssysteme für diese Welt um die Vormacht, jedes in sich verhärtet und aus neurologischer Sicht linkslastig, wenn auch nicht alle im politisch Sinne.

Daraus ergibt sich auch für unseren Glauben eine grosse Konsequenz.

Der christliche Glaube ist heute grösstenteils ein System der linken Hirnhälfte, genau so wie das Judentum zur Zeit Jesu. Die Pharisäer und unsere Theologen und Pastoren wissen, wie die Welt funktioniert, was die Bibel bedeutet, was zu tun ist. Sie sehen das Christentum als die bereits gegebene Antwort.

Antworten sind abschliessend in dem Sinne, als dass die Frage dazu nicht mehr gestellt werden muss. Sie stehen am Ende einer Kette. Sie erklären, und sie beenden jede Diskussion.

Fragen dagegen sind offen und führen weiter.

Ich habe oft gehört, dass es wichtig ist, das, was wir bereits wissen, zu leben und weiterzugeben. Das hat etwas für sich. Ausser es wird mit dem Zweck gesagt, jedes weitere Suchen zu unterbinden.

Die rechte Hirnhälfte wird übrigens nie dominant. Sie erkennt, dass nur ein ausgewogenes Zusammenspiel der beiden Hemisphären zum Ziel führen kann, eine Balance zwischen Bekanntem und Unbekanntem, zwischen Ordnung und Chaos, Bestätigung und Herausforderung.

Darum sagt uns Jesus:

Jeder Schriftgelehrte, der in der Schule des Himmelreichs ausgebildet ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Schatz Neues und Altes hervorholt.

Matt 13:52

Linke und rechte Hirnhälfte in Balance. Bekanntes und Unbekanntes gleichermassen. Bestätigung und Herausforderung im Gleichgewicht.

Ist es nicht Gott, der uns wiederholt sagt, dass er sich gerne suchen und finden lässt?

Die linke Hirnhälfte glaubt, ihn gefunden zu haben. Eine Suche ist nicht mehr notwendig, nur noch, das Gefundene auszuleben.

Primarschullehrer lehren die bekannten Tatsachen, das Weltbild der linken Hirnhälfte. Aber sie lehren es einem Kind, welches dieses Weltbild noch nicht besitzt. Es besitzt ein kindliches, kreatives, simpleres Weltbild, und wird weitergeführt und langsam in die neue Welt, in die Weltanschauung des Lehrers und der Gesellschaft eingeführt. Mit sehr pastoralen Methoden, weil der Lehrer und die Gesellschaft schon in dieser Welt angekommen sind. Ein Primarlehrer ist mehr Hirte als Lehrer.

Das ist wichtig für ein Kind. Unser Fehler ist es, zu glauben, dass nach der allgemeinen Schulbildung alles vorbei sei und man seine Weltanschauung gefunden hätte. Die linke Hirnhälfte übernimmt, unterstützt von der Gesellschaft: jetzt weiss ich, wie der Hase läuft.

Der Lehrer wird endgültig zum Pastoren, wenn er das Altbekannte an die weitergibt, die es bereits kennen. Oder zum Menschenverächter, der nicht an das Wachstumspotenzial seiner Mitmenschen glaubt.

Universitätsprofessoren auf der anderen Seite lehren ihre Studenten forschen und suchen – das heisst, sie taten das in der Vergangenheit. Heute sind die Studenten an der Macht und verhindern dies weitgehend. Es geht mehr und mehr um Wissensverwaltung und sogar Wissensgestaltung anhand der Weltanschauung, statt die Weltanschauung anhand von neuem Wissen weiter zu entwickeln.

Die Gemeinde tut dasselbe. Selbst Menschen, die 30 Jahre im Glauben sind, wird noch die Bestätigung der längst angenommenen Weltanschauung geliefert, und jedes Sprengen dieser Weltanschauung wird unterbunden, als verwirrend oder unnötig empfunden, und gegebenenfalls bekämpft mit dem Vorwurf der Häresie.

Lehrern, die über den Tellerrand der versteinerten Weltanschauung sehen möchten, wird manchmal unterstellt, dies aus Geltungssucht und zur persönlichen Befriedigung zu tun. Von ihnen wird verlangt, sich auf das Bekannte zu beschränken, auf die Weltanschauung derjeniger, die die Beschränkung fordern.

Eine Schwierigkeit, die ich noch erwähnen möchte: die linke Hemisphäre fasst unsere Gedanken in Worte, beherbergt also die gesprochene und geschriebene Sprache. Darum fällt es schwer, die Gedanken der rechten Hemisphäre auszudrücken. Neben der Tatsache, dass sie der akzeptierten Weltanschauung widersprechen, kommen sie oft in Form von Geschichten, Metaphern, Bildern daher. Die linke Hemisphäre aber wünscht sich einfache Formeln, klare Prozessschritte, einzelne Bibelverse.

Wir sind im Westen, speziell in Westeuropa an einem Punkt angelangt, an dem das Christentum in der Versenkung zu verschwinden droht. Ein Grund dafür ist, dass wir die rechte Hirnhälfte ausschliessen.

Jesus hat es so gesagt:

Ich werde Propheten, Männer voller Weisheit und ´wahre` Schriftgelehrte zu euch schicken. Einige von ihnen werdet ihr umbringen, ja sogar kreuzigen; andere werdet ihr in euren Synagogen auspeitschen und von einer Stadt zur anderen verfolgen.

Matt 23:34

Heute killen wir sie nicht mehr, wir canceln sie.

Gott ist soviel grösser als unser Verständnis. Es braucht die Fähigkeiten der rechten Hemisphäre, um uns ihm zu nähern im Kreisen, Suchen.

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