Und Aaron soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein, und du sollst für ihn Gott sein.

2. Mose 4:16

Die meisten werden die Geschichte kennen: Mose sah ein Problem in seinem Stottern und wollte sich so der Rolle und Verantwortung entziehen, die Gott für ihn bereit hielt. Ob es eine Ausrede war – er hatte die beste Ausbildung der Welt genossen – oder ein echtes Problem, wissen wir nicht.

Wir wissen, dass Gott ihm Aaron zur Seite stellte – mit weitgehenden Konsequenzen: Er wird Dein Mund sein, und Du wirst sein Gott sein.

Das Volk Israel hat zusätzlich am Berg Sinai entschieden, dass sie Gott nicht selber begegnen wollen, sondern Mose dies für sie stellvertretend tun solle.

Andere Völker hatten bereits solche Stellvertretungs-Modelle in der Form von Priestern, und Israel wollte dasselbe Modell in seiner Beziehung zu Gott.

Wir sehen etwas ähnliches mit dem Königtum: Israel wurde über ein paar Jahrhunderte von Richtern regiert, wenn es notwendig war, und hatte ansonsten keine offizielle Regierung. Und dann wünschten sie sich einen König, und Gott gab nach.

Samuel weigerte sich zuerst, aber Gott überzeugte ihn, dass der Wunsch des Volkes sich nicht gegen Samuel, sondern gegen ihn, also Gott selbst richtete.

Gott geht auf die Wünsche seines Volkes ein.

Doch wozu führte diese Weigerung Mose und Israels? Gehen wir zurück zu Abraham, um ein besseres Bild zu erlangen.

Abraham war gemäss ausserbiblischen Quellen der Sohn eines Priesters für einen heidnischen Gottkönig. Gott revolutionierte seine Art, mit den Menschen zu reden, indem er zu Abraham persönlich sprach. Kein Stellvertreter war notwendig, sogar Melchizedek wurde nicht zum Stellvertreter Gottes für Abraham, sondern zum Werkzeug seines Segens.

Dasselbe sehen wir mit Isaak, Jakob und Josef. Sie alle sprachen direkt mit Gott. Aber nicht nur sie, sondern auch Sarah und Hagar.

Die Stellvertretung Gottes durch Priester führte auch dazu, dass Gott in einem Zelt und später einem Gebäude vor der Allgemeinheit versteckt werden musste, weil diese Allgemeinheit gar keinen direkten Kontakt mit Gott wollte.

Priestertum und Tempel waren also nicht der Wunsch Gottes, sondern der Menschen. Gott nahm sie ernst. Wir sehen das auch im Dialog Gottes und Davids und in prophetischen Aussagen: wie könnte Gott Platz haben in einem von Menschen gemachten Tempel? Und Gott gewährt Davids Wunsch, dass ein Tempel entstehen würde.

Wie unterstreicht das neue Testament diese Auslegung der Geschichte? Sagt uns nicht Johannes, dass wir keinen Menschen brauchen, der uns instruiert, weil der Geist in uns lebt?

Aber ihr habt den Heiligen Geist von Gott empfangen, und er lebt in euch, deshalb braucht ihr niemanden, der euch lehrt. Denn der Geist lehrt euch alles, und was er lehrt, ist wahr – es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch gelehrt hat, und lebt weiter mit Christus!

1. Johannes 2:27

Und ist nicht der Vorhang im Tempel zerrissen, ja der Tempel sogar zerstört worden?

Erst als das Christentum zur Religion des römischen Reiches wurde, wurde erneut ein System von Priestern und Tempeln eingeführt, welches bis heute Bestand hat. Speziell sieht man das im Katholizismus mit dem Papst als Stellvertreter Christi.

Wir nennen diese Stellvertreter Priester, Pfarrer, Pastor, fünffacher Dienst. Wobei natürlich der fünffache Dienst eine biblische Sache ist, und damit der Pastor ebenfalls, was die Sache so einleuchtend zu machen scheint.

Es sind nicht die Namen, die das Problem sind, sondern die Ausprägung der Struktur, die wir damit bauen.

Ich hatte in letzter Zeit ein paar Visionen, die mich auch an ein paar alte Visionen erinnerten, die ich vor Jahren hatte. Es ging bei allen um Gemeindestrukturen.

Ein erstes Modell ist die Hochzeitstorte: die unterste Schicht ist die Gemeinde, die als zweite Schicht die Ältestenschaft trägt, und zuoberst das Pastorenehepaar. Ein hierarchisches System der Stellvertretung, bei dem die Autorität bei einer Person liegt.

Ein zweites Modell nenne ich die Bodybuilder-Hochzeitstorte: die unterste Schicht bleibt die Gemeinde, doch darauf steht das Pastorenehepaar, welches die Schicht der Ältestenschaft stemmt. Hier haben wir eine oligarchische Hierarchie, eine Herrschaft der Wenigen.

Als nächstes das Paraglider-Modell: die Gemeinde ist ein Tuch, und an jeder Ecke steht ein Mitglied des fünffachen Dienstes. Der Pastor, der sich um die Mitglieder kümmert, steht gegenüber dem Evangelisten, der sich um die Menschen da draussen sorgt. Der Prophet steht dem Lehrer gegenüber, mit der Spannung des Jetzt-Wortes gegenüber der Schrift. Von jeder Ecke geht ein Seil aus, welches vom Apostel gehalten wird. Er zieht so die von den anderen Diensten ausgestreckte Gemeinde und sie gleitet und fliegt.

Daraus entsteht häufig das Postsack-Modell: der Apostel verlangt von den anderen Leitern die gleiche Sprache, die er verwendet. Nur seine Erkenntnis und Doktrin darf gepredigt werden. Die verschiedenen Dienste kommen an die Seite des Apostels, die Ecken der Gemeinde werden zusammengefasst, und die Gemeinde wie ein Postsack von allen Leitern hinter dem Apostel hergezogen. Die Spannung der Seile, also die Unterschiedlichkeit der Dienste mit ihren Begabungen geht verloren, und nichts ist mehr mit Fliegen.

All diese Modelle haben etwas gemein: immer ist von zwei oder mehr Sorten von Christen die Rede. Entweder sind es Tortenschichten und Figürchen, oder Tuch und Menschen. Wir reden auch im normalen Sprachgebrauch von Hirten und Schafen. So unterscheiden wir qualitativ zwischen den von Gott eingesetzten Leitern und den normalen Mitgliedern.

Plato hat dies getan. Er wollte die Herrschaft der Aristokratie wieder herstellen, nachdem Solon im sechsten Jahrhundert vor Christus in Athen eine erste rudimentäre Form der Demokratie in errichtet hatte.

Plato erklärte, dass der Staat das perfekte Prinzip der reinen Logik darstelle und die Aristokraten per Geburt die einzigen Menschen seien, die dieses Prinzip verstünden. Alle anderen hätten zu tun, was die Aristokraten ihnen sagten.

Im vierten Jahrhundert nach Christus war das Christentum Gespött der griechischen Philosophen. Doch die Leiter der Kirchen antworteten mit Plato: er habe, aus Unkenntnis, den falschen Schluss gezogen. Das perfekte Prinzip sei der Himmel, nicht der Staat, und die Priester seien die Aristokraten dieses Reiches, die als Einzige die Prinzipien des Himmels verstünden. Alle anderen hätten zu tun, was ihnen gesagt würde.

Es hat also nur wenige Jahrhunderte gedauert, bis das Volk sich wieder eine Priesterschaft und Tempel wünschte, ein System der Stellvertretung, genau wie in alten Zeiten.

Auf das heidnische Priestersystem nach der Flut folgte das direkte Sprechen Gottes, welches die Israeliten ablehnten und so eine Priesterschaft und einen Tempel notwendig machten.

Auf die Sklaverei Ägyptens folgte die Befreiung durch Gott, damit das Volk direkt von ihm abhängig leben dürfte. Doch sie wünschten sich keine Richter, sondern einen König.

Auf die Sklaverei des Gesetzes folgte Jesus, der uns befreite und einem Jeden den Geist schenkte, doch wir wollten eine Stellvertretung und schufen eine neue Priesterschaft.

Wir machen das heute noch, wenn auch etwas subtiler. Natürlich gestehen wir einem jeden das Recht zu, direkt zu Gott zu kommen im Gebet. Natürlich gibt es Gemeinden, die es zulassen, dass Laien predigen und sogenannte Sakramente austeilen. Natürlich wünscht sich jeder Pastor die Beteiligung des Einzelnen an den Aufgaben der Gemeinde. Und doch bestimmt der Pastor oder Apostel über Aufgaben, Ausrichtung, Lehre und Programm der Gemeinde.

Verwirrend ist, dass die Bibel selbst vom fünffachen Dienst und von Ältesten spricht. Das Problem hier ist allerdings nur, dass wir mit unserer Brille, unserer Weltanschauung diese Ämter so interpretieren, wie wir es gewohnt sind.

Wir kennen nur hierarchische Strukturen, denn seit Hunderten und Tausenden von Jahren haben wir nicht anderes gelebt. Wahrscheinlich war das der Grund, warum sich die Israeliten eine Priesterschaft und ein Königtum wünschten. Die kurzen Zeiten, in denen es anders war, haben uns viel zu wenig geprägt.

Unsere Prägung erlaubt uns nicht einmal, diese Zeiten entsprechend zu interpretieren. So wird behauptet, dass die Zeit der Richter eine Übergangszeit war, bis Gott in David einen würdigen König fände. Saul sei nur eine verfrühte Verwirklichung des Planes Gottes gewesen. Das führt wiederum dazu, dass wir fürchten, Dinge zu früh zu wollen, und so nicht vom Fleck kommen. Aber das ist ein anderes Thema.

Der fünffache Dienst beschreibt Begleiter, Mentoren, Berater mit einer genau bestimmten Teilbegabung, die anderen Gläubigen zur Seite stehen, keine hierarchischen Funktionen. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass sie nie permanent in einer Gemeinde blieben.

Ein Modell für die Begleitfunktion ist die Zebraherde: die stärksten Tiere stehen am Rand der Herde und beschützen die schwächeren in der Mitte, während die Herde als Ganzes für den Löwen als ein riesiges einzelnes Zebra erscheint. Die Kennzeichnung einzelner Zebras durch Wissenschaftler, z.B. mit einem Ohrclip, hat dazu geführt, dass ein Löwe ein einzelnes Zebra identifizieren und somit jagen konnte. Es ist genau die Einteilung in Klassen, die uns angreifbar macht.

In meiner Vision von Orchester geht es um ein alternatives Modell: der Einheit in der Vielfalt und dem gegenseitigen Dienen unter der direkten Leitung Gottes.

Es ist Zeit, zurückzukehren zu Gottes Wunsch, wie Gemeinde gebaut wird. Er liess uns unseren Willen und begegnete uns in all diesen menschengemachten Modellen aus Gnade. Ich aber wünsche mir mehr.

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