Wenn du also deine Opfergabe zum Altar bringst und es fällt dir dort ein, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass deine Gabe vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder! Dann komm und bring Gott dein Opfer.

Mat 5:23-24

Was ist Versöhnung?

Die meisten Stellen, in denen das Wort Versöhnung übersetzt wird, hat nichts mit Versöhnung zu tun. Das kann meinen Ausführungen zur Bedeutung des Kreuzes entnommen werden. In diesen Stellen geht es um die Lehre der Versöhnung Gottes mit den Menschen bzw. der Menschen mit Gott.

Aber das Prinzip der Versöhnung ist natürlich lebendig in der Bibel. In diesem Artikel geht es mir um die Versöhnung zwischen Menschen.

Viele Christen sind der Meinung, dass Versöhnung dann stattfindet, wenn sie Gott um Vergebung bitten. Wäre dies der Fall, hätte Jesus den Vers oben nicht so gesagt.

Der Handelnde im Vers ist auf dem Weg, Gott ein Opfer zur Vergebung seiner Sünden darzubringen. Wenn das das einzig Notwendige wäre, warum würde ihn Jesus dann auffordern, das Opfer stehen zu lassen und sich zuerst mit dem anderen Menschen, der etwas gegen ihn hat, zu versöhnen?

Es scheint mir fast so, als ob Vergebung von Gott erst möglich ist, wenn Vergebung zwischen Menschen geflossen ist.

Auch hier geht es wörtlich um einen Austausch. Es geht darum, die Gefühle, die der Andere für einen hat, auszutauschen.

Aber geht es Gott eigentlich um sich und unser Verhältnis zu ihm, wenn er Vergebung ausspricht?

Es geht Gott um uns. Er weiss, wie uns unser Gewissen plagt, und welche Konsequenzen Unvergebung in unserem Leben hervorruft. Jede Handlung hat Folgen, und wenn es nur die Abstumpfung unseres Gewissens ist.

Gott legt also eine Regel fest, dass Sünde mit einem Opfer gesühnt werden muss. Er kennt uns, und verschafft uns so Erleichterung in Form eines reinen Gewissens. Er hat dies zu einer Zeit getan, als Menschen nur durch äussere Regeln mit entsprechenden Folgen gelehrt werden konnten.

Denk an ein kleines Kind. Wir können nicht an die Vernunft eines kleinen Kindes appellieren. Wir stellen Regeln auf, und bestrafen, wenn nötig. Das bildet ein moralisches System in den Kindern.

Aber Jeremia hat uns darauf hingewiesen, dass Gott einen neuen Bund errichten wolle, der nicht auf äusserer Regulierung und Bestrafung beruht, sondern auf unserer Herzenshaltung.

Jesus zeigt uns auf, welche Folgen Hartherzigkeit in uns hat:

Als dem Diener vom König ein Vermögen an Schulden erlassen wurde, er aber seinem Schuldner eine kleine Summe nicht vergab, wurde der Diener ins Gefängnis geworfen.

Es heisst, das Gott vergisst und nicht mehr hervorkramt, was er uns vergeben hat. Also kann er nicht wegen seiner eigenen Schulden ins Gefängnis gekommen sein, sondern wegen dem, was er dem König jetzt schuldete: aus Dankbarkeit weiter zu geben, was er aus Gnade erhalten hatte.

Er hatte also das Gefängnis selber gebaut, und den Schlüssel selber in der Hand, sich freizulassen: dem Anderen zu vergeben.

In unserem Vers zeigt uns Jesus, wie dies gehandhabt werden sollte, ganz in Analogie zu dem, was Gott für uns getan hat.

Wenn wir sündigen, betrüben wir Gott, vor allem aber entfernen wir uns von ihm und entwickeln einen Groll oder eine Bitterkeit gegen ihn. Man könnte durchaus sagen, wir haben etwas gegen ihn. Er aber kommt zu uns, um diese Beziehung wieder zu beleben und zu vertiefen.

Genau so gehen wir zum anderen, der etwas gegen uns hat. Da wir nicht Gott sind, liegt der Anteil, den wir an dieser zerrütteten Beziehung haben, sicher nicht bei Null. Wir nehmen also Verantwortung für unseren Teil, suchen die Vergebung, vergeben, was der andere getan hat, und dann gehen wir vor Gott.

Mit dem Wissen, alles getan zu haben, was ich kann, komme ich vor Gott und er spricht mich frei. So bleibt keine bittere Wurzel zurück in unserem Herz.

Manchmal ist es nicht möglich, zuerst Wiederherstellung und Vergebung beim anderen zu suchen, weil sich dieser z.B. weigert. Dann bin ich frei, zu Gott zu gehen. Er wird mir helfen.

Zu oft machen wir es uns aber zu einfach. Wir sehen unseren Teil an der Situation nicht, und meinen, im Recht zu sein. Oder wir sehen unseren Anteil, und meinen, es vor Gott einzugestehen und um seine Vergebung zu bitten sei alles, was notwendig sei.

Das erste ist eigentlich unwichtig, denn es heisst hier nicht: wenn Dir in den Sinn kommt, dass Du jemandem etwas angetan hast. Es genügt, ja, Jesus spricht nur davon, wie sich der andere fühlt.

Jesus reagierte darauf, dass wir etwas gegen ihn hatten, nicht mit der Rechtfertigung seiner Unschuld. Er liess keine Legionen aufmarschieren, um uns zu bestrafen oder sich zu retten. Er lehrte uns, lockte uns, rief uns, und ging bis ans Kreuz für uns. Er wollte nicht recht haben, er wollte Leben und Beziehung schaffen.

Wir bestehen heute so sehr darauf, recht zu haben. Wir nennen uns gerecht gesprochen, wir glauben, die einzig richtige Wahrheit zu kennen, wir sind sogar der Überzeugung, Rechte zu haben. Und ich schliesse mich hier ganz konkret ein. Dies beinhaltet auch Lehren, die so weit gehen, Gott zu sagen, dass wir durch seine Versprechen das Recht auf Heilung und Versorgung hätten. Ein äusserst dünner Grat zwischen dem Stehen auf seinen Verheissungen und dem Einfordern unserer Rechte.

Es gibt Situationen, in denen wir für etwas einstehen und es erkämpfen. Recht zu haben ist keine solche Situation. Wir dürfen gerne versuchen, den anderen zu lehren oder uns ihm gegenüber zu erklären, wenn wir glauben, recht zu haben. Dabei geht es darum, den anderen zu gewinnen, nicht in den Senkel zu stellen oder zu korrigieren. Es geht um Reife.

Hier aber reden wir nicht über Lehre oder Erziehung, sondern über Verletzungen. Verletzungen brauchen Heilung.

Könnte es sein, dass das Opfer vor Gott, unsere Bitte um Vergebung wirkungslos ist, wenn wir nicht zuerst die Versöhnung mit dem anderen suchen? Sagt Paulus nicht, dass wir das Mahl zum Tode essen, wenn wir noch etwas in unserem Leben haben, das uns von Gott trennt?

Wirkungslos nicht, weil Gott nicht vergibt. Er vergibt gerne. Sondern weil wir etwas in uns zurückbehalten, das uns anklagt. Weil wir eine Chance verpasst haben, unser Ego zu besiegen, und ihm so wieder mehr Macht zugestanden haben.

Ich bin mir sicher, dass solche Situationen dazu führen, dass wir noch einmal um den Berg ziehen. Wie könnte Gott mit uns weitergehen?

Wir fragen uns immer wieder, wieso nicht mehr geschieht in unseren Leben und unseren Gemeinden. Könnte dies ein Grund sein?

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