Niemand hat Gott je gesehen.

Joh 1:18

Augustinus von Hippo (354-430) hat sich über Gott geäussert:

Quid ergo dicamus, fratres, de Deo? Si enim quod vis dicere, si cepisti, non est Deus: si comprehendere potuisti, aliud pro Deo comprehendisti. Si quasi comprehendere potuisti, cogitatione tua te decepisti. Hoc ergo non est, si comprehendisti: si autem hoc est, non comprehendisti. Quid ergo vis loqui, quod comprehendere non potuisti?

Augustinus von Hippo

Ich greife jetzt auf meine Lateinkenntnisse zurück, die ich mir in sieben Jahren Gymnasium zugelegt habe, die aber seither bis auf einige spärliche Ausnahmen doch eher brach liegen:

Was also sagen wir über Gott, liebe Brüder? Wenn Du nämlich sagen wolltest, Du hättest ihn erfasst, dann ist es nicht Gott. Wenn Du verstehen kannst, hast Du einen Anderen verstanden anstelle von Gott. Wenn Du quasi verstehen kannst, hat Dein Verständnis Dich getäuscht. Er ist es also nicht, wenn Du verstehst: wenn es aber so ist, verstehst Du nicht. Wie willst Du von etwas sprechen, das Du nicht verstehen kannst?

Das wird meist in einem kurzen, prägnanten Satz zusammengefasst:

Si comprehendis non est Deus – Wenn Du es verstehst, ist es nicht Gott.

Mir geht es heute aber um etwas anderes in diesem Text: Wie willst Du von etwas sprechen, das Du nicht verstehen kannst?

Der Vers, über den wir heute sprechen, beinhaltet genau dies: keiner hat Gott je gesehen. Es geht aber weiter: Jesus hat ihn uns kundgetan.

Andere Verse sagen uns, dass Gott früher durch die Natur, die Propheten, und in den letzten Tagen des alten Bundes durch seinen Sohn gesprochen hat. Jesus sagt: wenn ihr mich seht, seht ihr den Vater.

Gott möchte sich offenbaren. Er kommt auf uns zu. Er möchte uns begegnen, auch wenn wir grundsätzlich nicht die Kapazität haben, ihn zu verstehen.

Unsere erste Reaktion, aufzugeben, weil wir Gott nicht verstehen können, wird von Gott übersteuert, indem er uns klar macht, dass er uns begegnen möchte.

Ich möchte noch eine ursprünglichere Übersetzung von comprehendere anfügen, welche wohl in diesem Zusammenhang wesentlich besser passt: erfassen.

Für uns hat Verstehen die Bedeutung von Durchdringen, also etwas Umfassendes.

Erfassen auf der anderen Seite kann vom ersten Ergreifen bis zu vollständigem Verstehen reichen. Hier wird ein Prozess beschrieben vom ersten Begreifen bis zum Begriffen haben.

Wie begegnet uns Gott, und wie befähigt er uns, ihn mehr und mehr zu erfassen?

Er rüstet uns mit allen notwendigen Fähigkeiten und Werkzeugen aus. Und weil er ein Gott des Wachstums ist, macht er es wachstümlich.

Kann Gott in einem Menschenleben erfasst und verstanden werden? Genau dem widerspricht Augustinus hier. Wir werden Gott wohl nie vollständig begreifen. Wir schaffen das ja nicht einmal mit unseren Partnern.

Aber genau darum ist Gott der Gott von Abraham, Isaak und Jakob. Er arbeitet über die Generationen hinweg.

Isaak durfte von Allem profitieren, was Abraham bereits über Gott gelernt hatte, inklusive dem Vertrauen, dass Abraham in Gott zu setzen lernte. Und Jakob profitierte von Isaaks Wachstum und Erkenntnis.

Gott sprach im Paradies direkt zu Adam, bis Adam sich seiner selbst bewusst wurde. Danach sprach er zu ihnen durch die Natur.

Ab Abraham sprach Gott durch die Familie, durch die Väter, und später, ab Mose, durch das Gesetz.

Als nächstes sprach er durch Jesus, und heute durch die Gemeinde, seinen Geist und die Bibel.

Gott wusste zu jedem Zeitpunkt, wieviel er der nächsten Generation zumuten konnte, wofür sie bereit war, welche neuen Werkzeuge er ihnen bereitstellen konnte, um sie auf dem Weg weiterzuführen.

Haben wir Gott begriffen? Haben wir ihn durchdrungen, verstanden? Haben wir die Fähigkeit dazu erlangt?

Natürlich nicht, und wer es glaubt, täuscht sich.

Haben wir einen Zustand erreicht, in dem Gott das Gefühl hat, wir hätten ihn genügend verstanden? Eine Zeit, in der er uns nicht mehr tiefer begegnen möchte? Eher nicht. Welcher Vater wäre so?

Wird Gott sich also immer mehr offenbaren, und werden wir uns immer mehr dahingehend entwickeln, aufbauend auf dem Offenbarungsstand der früheren Generationen, dass wir ihn mehr und mehr erkennen können?

Davon bin ich überzeugt.

Was ist unsere Aufgabe in all dem?

Hier eine Aussage von Rabbi Tarfon in den Ethiken der Väter:

Es ist nicht Deine Verantwortung, die Arbeit, die Welt zu perfektionieren, zu Ende zu führen, aber Du hast auch nicht die Freiheit, es zu lassen.

Rabbi Tarfon, Pirke Avot 2:21

Analog können wir sagen: Es ist nicht meine Verantwortung, Gott vollständig zu durchdringen, aber ich darf es auch nicht aufgeben.

Rabbi Tarfon fährt weiter:

Sei nicht arrogant; Denke nicht, dass Du allein den Job beenden kannst. Vertraue auf Deine noch ungeborenen Kinder und Generationen, um die Aufgabe zu übernehmen. Wisse, dass du Teil der lebendigen Kette von Menschen bist, die geträumt [und] für eine bessere Welt gearbeitet … haben.

Rabbi Tarfon

Wir müssen und können Gott nicht verstehen, aber wir dürfen ihn besser erfassen als die Generationen vor uns, und dürfen den Boden bereiten für ein noch grösseres Verständnis in den Generationen nach uns.

Alles fliesst aus dem Wunsch nach einer Beziehung von Seiten Gottes, und genau diese Beziehung ist es, die uns wachsen lässt, Hinwachsen zu einem grösseren Verständnis und einer grösseren Liebe.

Ist dieses Wachstum ein Automatismus? Nein, aber es ist der Plan Gottes, und daher führt er zum Ziel.

Es gibt Rückschläge. Denken wir nur an das Mittelalter. Oder denken wir an die Verweigerung der Gemeinde im Allgemeinen heute, die an der alten Offenbarung festhält und aus Angst vor Ablehnung und Verdammung kein Wachstum mehr zulässt.

Es gibt Umwege, es gibt Fehlentwicklungen. Das hat mit dem hohen Respekt zu tun, den uns Gott entgegenbringt.

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  • Marianne

    Gott verstehen – heisst das nicht, die Liebe verstehen? Gott ist Liebe, sagt das Wort, und weiter: und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Also werden wir Gott niemals von aussen her verstehen. In der Liebe bleiben zeigt schon auf dieses innen, drinnen hin. Jeder Mensch kann das nur für sich tun. Wie du schreibst: Nur der Geist des Menschen weiss, was im Menschen ist. Mein Geist, in Gottes Geist ruhend, bildet diese Liebesbeziehung, die verstehen und erfassen lässt, wer Gott ist. Das ist der Ursprung des Wachstums meiner Person und Identität in Gott. Ich erlebe Gott, erlebe, wie er mich sieht, was er mit mir gemeint hat, als er mich durch sein Wort schuf. In dieses Bild möchte ich hineinwachsen, in dieser meiner Bestimmung zunehmen. Je länger ich auf diesem Weg in der Liebe bleibe, darum in Gott bleibe, desto mehr offenbart sich Gott mir. Ewig, gross, nicht zu fassen,bedingungslos in seiner Liebe, passt er sich meinem geringen Fassungsvermögen an, lässt mir Zeit, verlangend nach mehr Nähe, nach mehr Verstehen zu werden. Jedoch, er zieht mich, bleibt nicht passiv. Ich kann mir vorstellen, dass er aus diesem Wunsch heraus, mein Fassungsvermögen zu erweitern, manchmal etwas tut, was mir eigentlich gar nicht gefällt: Er lässt Problemfelder, Hindernisse in meinem Leben zu, die mir über längere Zeit zu schaffen machen. Ein paar Gebete helfen da nicht, immer wieder stören sie; ich muss dranbleiben. Im Gegenzug erlebe ich parallel dazu viele, fast sofortige Gebetserhörungen, die mir Freude und Mut machen. Ich kann mich durch sie auch stärken lassen im Glauben und Vertrauen, dass Gott bei mir ist, mich liebt und hört. Gott kennen zu lernen, bleibt spannend, ist ein Abenteuer, gibt mir Form und Leben aus der Quelle seiner Tiefe. Auch wenn die Hitze kommt, verdorre ich nicht. (Jer.17/8) Darum: Immer mehr von dir, immer mehr, wie wir in einem Lied singen.
    Dir Ralph, danke ich für die Möglichkeit, Kommentare zu deinen Artikeln schreiben zu können. Sie sind es, die mich zum Nachdenken motivieren.

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