Jeder Mensch weiss nur ganz allein, was in ihm vorgeht.

1Ko 2:11a

Wir sind einzigartige, komplexe Wesen. Kein einzelnes psychometrisches Werkzeug, kein Persönlichkeitstest kann uns ganz erfassen, ja nicht einmal alle Werkzeuge zusammen. Unsere Mitmenschen können es nicht, und ganz ehrlich, sogar wir selber scheitern.

Aber steht da nicht gerade, dass wir ganz allein wissen, was in uns vorgeht? Wörtlich heisst es im Text, dass nur der Geist des Menschen es weiss.

Das hat Folgen für uns: um uns besser kennenzulernen, geht es nach innen, nicht nach aussen. Und offensichtlich sind wir uns nicht über alles bewusst, was in unserem Geist abgeht.

Sehen wir uns Letzteres zuerst an:

Die Bibel sagt uns, dass wir aus Geist, Seele und Körper bestehen. Die Seele wiederum beinhaltet Gefühle, Gedanken und Wille.

Ich sehe den Menschen holistisch, d.h. als Ganzes, aber für gewisse Betrachtungen ist diese Unterteilung durchaus sinnvoll.

Durch alle diese Teile hindurch geht eine andere Unterscheidung. Das können wir z.B. am Körper gut erkennen:

Gewisse Körperfunktionen geschehen, ohne dass wir uns derer bewusst sind. Das vegetative Nervensystem funktioniert unbewusst.

Auch viele unserer Gedanken laufen ab, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Ebenso geht es uns mit Emotionen und sogar mit einigen Entscheidungen.

In diesem Sinne also sind Körper und Seele auf beiden Seiten der Bewusstseinsgrenze zu finden. Wie aber steht es mit dem Geist des Menschen?

Der Geist des Menschen äussert sich in Gedanken, Emotionen, und Bewegungen, auch Intuition und Vorstellungskraft. Dies führt zu Entscheidungen und Handlungen.

Der Geist des Menschen bedient sich also der Seele und des Körpers, um Ausdruck zu finden. Dies legt nahe, dass sich der Geist gänzlich im Unterbewusstsein des Menschen befindet.

Gott ist Geist, und Geist spricht zu Geist. Äusserst selten äussert sich Gott durch hörbare Sprache, aber er äussert sich durchaus durch andere Menschen. In diesen anderen Menschen allerdings ging dabei derselbe Prozess vonstatten, der bei uns abgeht:

Der Geist wendet sich an die Seele und den Körper, um Ausdruck zu finden, sucht Sprache und Bewegung.

Was bedeutet das nun für uns?

Die gesprochene Sprache und der grösste Teil unserer bewussten Bewegungen werden von der linken Hirnhälfte gesteuert. Ihre Aufgabe ist die Interaktion mit der Umgebung, vor allem deren Manipulation. Dazu verwendet sie ein vereinfachtes Modell unserer Welt, das ihr erlaubt, Dinge zu verstehen und zu verändern.

Dieses Modell, diese Weltanschauung ist mit einer Karte zu vergleichen. Die Karte ist nicht die Welt, beinhaltet aber genügend Informationen, dass wir auf einer Reise unser Ziel finden, ohne vom Detailreichtum der echten Welt überfordert zu sein.

Die rechte Hirnhälfte sieht jedoch immer das grössere Bild, die Zusammenhänge, die Abweichungen der Karte zur Wirklichkeit. Sie arbeitet parallel an einem besseren Modell, und wenn sich diese neue Karte als brauchbarere Darstellung der Wirklichkeit herausstellt, ersetzt dieses neue Modell das alte in der linken Hirnhälfte. Das ist ein schwieriger Prozess, der nicht ohne Gegenwehr abläuft.

Die rechte Hirnhälfte ist intuitiv und besitzt grosse Vorstellungskraft. Die linke Hirnhälfte verlässt sich auf rationale Ableitungen anhand der Karte. Eigentlich ist sie blind für alles andere als die Karte.

Was immer uns der Geist mitteilen möchte, wird durch die Verwendung von Sprache oder bewusster Handlung automatisch durch die linke Hirnhälfte interpretiert und übersetzt. Es wird also in unser Modell eingefügt und drückt sich meist durch Bilder und Worte aus, die wir bestens kennen. Auch fügt sich alles in unsere Weltanschauung ein.

Es ist ein bewusster Kraftakt und beinhaltet sehr viel Überwindung, anders auf den Geist zu reagieren. Eindrücke werden dadurch bildhafter, beschreibender, es entstehen Geschichten, und es braucht Geduld und Mut, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Die Mystiker beschreiben immer wieder, wie ihnen eigentlich die Sprache fehlt, um auszudrücken, was sie erlebt haben.

Leider sind wir heutzutage Menschen der linke Hirnhälfte. Uns geht es um Sicherheit, um Absolutheit, um Klarheit. Wir wollen unterscheiden zwischen Richtig und Falsch. Wir wollen rational verstehen.

Und wir sind Menschen, die sich nach aussen richten. Sensorische Eindrücke sind uns wichtiger als Intuition, ja wir sehen Intuition und Vorstellungskraft als Antwort auf äussere Eindrücke.

Dabei sind Intuition und Vorstellungskraft wichtige Werkzeuge für den Geist, sich auszudrücken.

Was also können wir tun?

Hinterfragen wir unsere Weltvorstellung. Und richten wir uns gegen innen.

Deine Visionen werden klarer, wenn du in dein eigenes Herz hinein siehst. Wer nach aussen sieht, träumt. Wer nach innen schaut, erwacht.

Carl Gustav Jung

Ich behaupte jetzt mal, dass, was wir als Herz beschreiben, seine höheren Funktionen in der rechten Hirnhälfte hat.

Das Wichtigste, was wir tun können, ist zu entscheiden, wo wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren.

Sehen wir alles durch die fixe Weltvorstellung unserer linken Hirnhälfte, vergleichen und interpretieren alles durch die Linse des Bekannten, verwerfen wir alles, was diesem Weltbild nicht entspricht und daher falsch sein muss? Oder lassen wir es zu, herausgefordert zu werden in unserem Verständnis der Welt?

Vögel haben eine ähnliche Aufteilung der Hirnhemisphären wie wir. Sie verwenden die linke Seite für das Detail – das Finden eines Brotkrumen inmitten des Kies – und die rechte für das grosse Bild, um Freund und Feind zu erkennen. Links das Erwartete, Gesuchte, rechts das Unerwartete, nicht Voraussehbare, Überraschende, von der Norm Abweichende.

Bei uns sind die Konzepte zum Teil wesentlich abstrakter, das Prinzip aber durchaus vergleichbar.

Bleiben wir dabei, die Welt in die uns bekannten Strukturen zu pressen – wir haben es immer so gemacht, dieser Bibelvers bedeutet genau das – oder lassen wir Entwicklung zu? Hauptsächlich Entwicklung unserer selbst?

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