Er aber sprach zu ihnen: Darum ist jeder Schriftgelehrte, der im Reich der Himmel unterrichtet ist, gleich einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt.

Matthäus 13:52

Jesus hat wenig über Lehrer ausgesagt. Wir beziehen das Meiste unseres Wissens von Paulus und aus unserer Erfahrung.

Einer der Verse, in dem Jesus über Lehrer spricht, ist der oben genannte. Er hat verschiedene Gleichnisse erzählt und danach seine Jünger gefragt, ob sie diese verstanden hätten. Als die Jünger dies bejahten, sagte Jesus in etwa:

Das ist gut. Ihr habt also neue Erkenntnis über das Reich Gottes erhalten. Genau so ist es mit den Lehrern des Reiches Gottes. Sie werden immer wieder aus ihrem Schatz Neues und Altes aufzeigen und hervorbringen.

Was ist der Schatz eines Lehrers? Das ergibt sich aus dem Wort, welches Jesus verwendete: Schriftgelehrte. Es ist das Wort Gottes.

Nun wissen wir, dass im alten Testament, ab einem gewissen Zeitpunkt, dies die Schriften waren. Zuallererst die Steintafeln mit den 10 Geboten. Später, im und nach dem Exil, haben die Schriftgelehrten langsam das zusammengestellt, was wir heute als die hebräische Bibel und unser altes Testament kennen. Die Kanonisierung fand dann etwa 1000 nach Christus bei den Masureten ihren Abschluss.

Johannes aber macht uns klar, dass das Wort Gottes natürlich wesentlich mehr ist als die alten Schriften, ja sogar als die Bibel. Gott ist das Wort, und in Jesus wurde das Wort Mensch.

Insofern ist der Schatz eines Lehrers Gott selbst und alles, was dazu gehört. Man könnte auch sagen: jede Äusserung, jeder Gedanke Gottes. Und da bleibt ja dann nicht viel anderes übrig.

Gottes Gnade ist jeden Tag neu. Die Erkenntnis nimmt zu. Wir gehen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit. Gott offenbart sich auch heute noch.

Und diesem Schatz entnehmen Lehrer Neues und Altes.

Dieser Vers wurde auf verschiedene Arten interpretiert:

  • Ein Lehrer des Königreiches entnimmt seine Lehre nach Matthew Henry dem alten und neuen Testament. Nur gab es das neue Testament damals noch nicht. Diese Auslegung ist demnach nicht sehr wahrscheinlich, da sie für die Anwesenden nicht zu verstehen gewesen wäre.
  • Ein Lehrer des Königreichs verpackt die wohlbekannte Lehre immer wieder neu, wie Jamieson den Vers auslegt.
  • Ein Lehrer des Königreichs erhält von Gott alte und neue Offenbarung, weil Gott sich uns immer tiefer mitteilt.

Das Wort, welches für „neu“ verwendet wird, heisst qualitativ neu, ganz neu, neu hergestellt, nicht erneuert. Dafür gibt es ein anderes Wort, welches gezielt in der Bibel Anwendung findet. Daher empfinde ich die Idee der neuen Verpackung und Illustration auch eher als unwahrscheinlich.

Jesus sagt uns, dass er in der Zukunft Propheten, Weise und Schriftgelehrte senden wird:

Darum siehe, ich sende Propheten und Weise und Schriftgelehrte zu euch; und [einige] von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, und [einige] von ihnen werdet ihr in euren Synagogen geisseln und werdet [sie] verfolgen von Stadt zu Stadt.

Matthäus 23:34

Jesus spricht hier zu den Pharisäern und den Schriftgelehrten seiner Zeit. Ihnen wird er seine Propheten, Weisen und Schriftgelehrten schicken, also der religiösen Leiterschaft der Zeit.

Er sagt hier nicht, dass er der Welt jemanden schicken wird, sondern der Kirche. Jesus hat die Pharisäer und Schriftgelehrten seiner Zeit dafür verurteilt, dass sie die Gemeinde leiteten, aber die Zeichen der Zeit nicht verstanden.

Was taten die Schriftgelehrten in Jesu Zeit? Sie legten die Schriften gemäss der Tradition aus. Die Pharisäer glaubten, dass, wenn sie die Schriften wörtlich, gesetzestreu, gemäss der Tradition und dem allgemeinen fundamentalistischen Verständnis ausleben würden, dass Gott durch ihren heiligen Lebenswandel dazu gebracht würde, zu handeln.

Jesus verurteilte also die Fundamentalisten der Zeit, und damit jeder Zeit, dass sie seine Boten und Lehrer umbringen und davonjagen würden.

Wenn nun die Aufgabe der Lehrer wäre, die Tradition fortzuschreiben, müsste sie niemand verfolgen. Also werden sie unbequem und fortschrittlich sein. Oder werden sie dazu aufrufen, zurück zu den alten Standards zu gehen?

Genau dieser Aufruf zu den alten Standards aber war die Botschaft der Pharisäer, und genau dies ist die Botschaft der Gemeinde heute. In der Gemeinde wird heute niemand verfolgt, der die alte Heiligkeit und die Befolgung der Tradition fordert. Die Welt macht das, aber nicht die Gemeinde, und speziell nicht deren Leiter. Verfolgt werden in der Gemeinde diejenigen, die das Neue predigen. Die anderen werden abgenickt, bekräftigt, und dann geflissentlich ignoriert.

Paulus nennt das Wort Lehrer sehr selten. Er nennt sich in den Timotheusbriefen einen Lehrer der Nationen, sieht sich selbst also als Lehrer und Apostel.

Er verurteilt die Juden unter dem Gesetz als Lehrer der Unmündigen, die sich selbst nicht lehren. Sich selber nicht ständig weiterzubilden ist also ein Versäumnis für einen Lehrer und Leiter:

Und du traust dir zu, ein Leiter der Blinden zu sein, ein Licht derer, die in der Finsternis sind, ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, der den Inbegriff der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat: Nun also, du lehrst andere, dich selbst aber lehrst du nicht?

Römer 2:19-21

Natürlich hat diese Pflicht, sich weiterzubilden, mit dem neuen Testament kaum seine Gültigkeit verloren, auch wenn hier direkt die Juden unter dem Gesetz angesprochen werden.

Die wichtigsten Stellen von Paulus zum Thema verbinden gewisse Ämter miteinander. So nennt Paulus Apostel, Propheten und Lehrer in 1Ko 12:28, zusammen mit einigen Gaben des Geistes und der Gabe der Leiterschaft.

Hier fällt zuerst einmal auf, dass keine der drei ersten Ämter mit der Gabe der Leiterschaft zusammenfallen. Natürlich kann ein jeder zusätzlich die Gabe der Leiterschaft haben, aber ein Apostel oder ein Lehrer ist nicht automatisch ein Leiter.

Zweitens sind die drei Ämter miteinander verwoben. Hier fällt auf, dass der Evangelist und der Pastor fehlen. Das rückt den Lehrer in eine grössere Nähe mit den beiden fundamentalen Gaben nach Epheser 2:20.

Der Prophet erhält Offenbarung vom Himmel und weiss damit wenig anzufangen. Der Lehrer erklärt die Offenbarung, und der Apostel setzt sie um. Oder der Apostel erhält Weisung vom Himmel, der Lehrer erklärt die Weisung, und der Prophet korrigiert und ermutigt.

Apostel und Propheten sind das Fundament der Gemeinde, und der Lehrer das Bindeglied zwischen Himmel und Erde.

Wäre die Funktion darauf beschränkt, die Tradition zu lehren und die Prophetien und apostolischen Weisungen in der Tradition einzubetten, dann würden sie nicht verfolgt.

Unser traditionelles Verständnis von Lehrern, geprägt durch die Schule, hat dazu geführt, dass wir in Eph 4:11 den Lehrer und den Pastoren stark gleichgesetzt, sogar teilweise als ein und dasselbe Amt definiert haben. Das Griechische lässt das als Interpretation zu, aber es ist nicht zwingend.

Unsere natürlichen Lehrer bis zur Oberstufe und der Berufsschule sind Pastoren. Sie vermitteln Stoff und kümmern sich um den Einzelnen.

Erst die Lehrer in den späten Jahren des Gymnasiums und an der Universität sind Lehrer. Ihre Aufgabe ist es, den Studenten das Lernen zu lehren, und sie zu Forschern zu machen, zu Suchenden. Schliesslich verspricht Jesus, dass, wer sucht, findet und nicht dass, wer übt, weiss.

Alle fünf Ämter sind dazu gegeben, die Menschen in die Reife zu führen, nicht ihnen nur die Basis zu vermitteln. Dabei lehrt der Apostel sie, Dinge mit Autorität umzusetzen. Der Prophet lehrt sie, die Stimme Gottes zu hören. Der Evangelist, die frohe Botschaft zu verbreiten. Der Lehrer, das Wort auszulegen und darin zu graben. Und der Pastor, füreinander da zu sein.

All dies tun sie unter anderem durch das Beispiel, durch Vorbildfunktion.

In Antiochien waren es die Propheten und Lehrer, die zusammenkamen und aus deren Mitte Paulus und Barnabas berufen wurden. Wir lesen da hinein, dass diese Propheten und Lehrer die Gemeinde leiteten, was aus dem Text nicht hervorgeht.

Der Hebräerbrief rügt die Gemeinde als Ganzes, dass sie noch keine Lehrer seien.

Eigentlich ist das Ziel eine Gemeinde aus Menschen, die das Wort selber erforschen, die Beziehung zu Gott selber pflegen, ihre Kämpfe selber kämpfen, Menschen zu Gott führen und Gottes Stimme hören können. Zusammen. Denn uns allen ist der Heilige Geist gegeben.

Der 2. Timotheusbrief warnt vor der Zeit, wo sich die Gemeinde die Lehrer aussucht, die sie will.

Welche Lehrer wären das? Könnte es sein, dass wir uns Lehrer aussuchen, die uns in dem bestätigen, was wir in der Gemeinde zu hören erwarten? Die unsere Traditionen abnicken, unser Verständnis bekräftigen, und das Alte höchstens ein bisschen mit neuen Illustrationen verhübscht weitergeben?

Ansonsten würden sie ja verfolgt.

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