Höre auf Rat und nimm Unterweisung an, damit du in der Zukunft weise bist.

Sprichwörter 19:20

Wir sind mitten in einer Krise, der CoViD-19-Krise in 2020. Ob wir jetzt, Ende Juni, eher am Ende oder am Anfang dieser Krise stehen, wissen wir nicht.

Im Moment sieht es so aus, als ob wir so langsam zurückkehren können zur Normalität. Und darin sehe ich die grösste Gefahr.

Leider scheint es so, als ob wir nichts aus dieser Krise lernen. Die meisten Zukunftsforscher sagen uns, dass Nichts mehr so sein wird, wie es war.

Die christliche Gemeinde scheint sich in zwei Lager zu spalten: die einen möchten nichts wie zurück, die anderen sehen die Endzeit in Griffnähe und erwarten nichts weniger als den Untergang der Zivilisation und das Ende der Erde. So mit Entrückung der Treuen und Rückkehr von Jesus.

Aber niemand scheint sich ernsthaft Gedanken zu machen, was Gott denn vor hat. Gott schickt keine Katastrophen. (Ausser dann vielleicht doch in der Trübsalszeit, was erstaunlich ist, weil er sich ja nicht ändert.) Aber Gott macht aus allem etwas Gutes.

Was ist das Gute, das Gott aus dieser Krise schaffen will? Eine kurze Dankbarkeit, dass wir es noch einmal geschafft haben? Die Einsicht, dass alle Regierungen sich gegen die Menschen und speziell die Christen verschworen haben? Ein kurzer Anstieg der Gottesdienstbesuche wie nach 9/11 – der bis jetzt allerdings noch nicht stattgefunden hat, weil die Menschen ihre Antworten nicht mehr in der Gemeinde suchen?

Ich glaube, dass Gott eine nachhaltige Veränderung bringen möchte.

Warum glaube ich das?

Diese Zeit erinnert mich sehr an die Zeit der Reformation. Eine Veränderung war vorbereitet durch Vorreiter wie Huss und Wycliff. Eine Pest hat das Vertrauen in die katholische Kirche und die vorherrschende Theologie erschüttert. Und Gott hatte europaweit einige mutige Männer ausgerüstet, welche neue theologische Inhalte ausarbeiteten und verbreiteten.

Welche Inhalte waren das?

Über ein Jahrhundert wurde mehr und mehr klar, dass jeder Mensch vor Gott wertvoll war, nicht nur als Mitglied der Menschheit und der Kirchengemeinschaft, sondern als Individuum.

Der Gedanke des Individuums, den wir heute in fast jeder Zeile der Bibel entdecken, war zwar im alten Griechenland für kurze Zeit angedacht worden, hatte aber nie Fuss gefasst. Weder Israel noch die Kirche sahen den Menschen als Individuum. Dies tat erst der Humanismus, eine philosophische Strömung, die sich innerhalb des Christentums entwickelte.

Dieses Individuum besass einen Funken Gottes, war demnach wertvoll. Daraus ergab sich die Notwendigkeit einer persönlichen Beziehung zu Gott, aber auch die Möglichkeit der persönlichen Entfaltung und Entwicklung.

In dieser Zeit eröffneten sich nicht nur in der Kunst z.B. durch Leonardo DaVinci Perspektiven. Menschen konnten einen frei Beruf wählen. Es entstanden Universitäten und Volksschulen, und die industrielle Revolution nahm ihren Lauf, genauso wie die Demokratisierung des Westens.

Leider verfiel Europa nach der Reformation zuerst in einen 30-jährigen Machtkrieg, bei dem es auch um die Vormachtstellung der Kirche ging. Dieser Krieg bremste die weitere Entwicklung wesentlich, indem z.B. die protestantische Kirche aus politischen Überlegungen Kindertaufen beibehielten. Es existierten keine staatlichen Geburtsregister, und so verliess sich der Staat auf die Taufregister der Kirche für die Steuererhebung. Ohne Taufregister keine Steuern, ohne Steuern keine staatliche Unterstützung im Krieg gegen die Katholiken. Und so wandte sich die protestantische Kirche gegen die Täuferbewegung und Gottes Absichten. Vereinfacht gesagt.

Daher findet man heute in den meisten Gemeinden wenig gesunden Individualismus ausserhalb der Anforderung, ein persönliches Übergabegebet sprechen zu müssen. Was es so in der Bibel gar nicht gibt.

In einem meiner letzten Artikel habe ich metaphorisch gesagt, dass die Kirche die letzten zwei Technologiewechsel verpasst hätte. Das war Numero Uno.

Eine ähnliche Zeit folgte 1904. Die Ausgiessung des Heiligen Geistes mit den Geistesgaben, einer neuen Endzeitlehre, der Erkenntnis, dass wir aufeinander angewiesen sind und uns ergänzen, bis hin zum allgemeinen Priestertum mit dem fünffachen Dienst und damit dem Abbau von Hierarchien.

Kurz darauf kam es zu zwei Weltkriegen, unterbrochen von einer Zeit mit Finanzkrise und spanischer Grippe. Danach ging die Erweckung weiter.

Auch hier wurden wichtige Punkte von der Gemeinde nicht übernommen, z.B. die im Latter Rain entwickelte Endzeitlehre, die feststellte, dass die Prophetien von Jesus, Daniel und der Offenbarung nicht über ein noch zukünftiges Ereignis berichten. Auch wurde die Hierarchie der Gemeinde weiterhin gemäss dem alttestamentlichen Priesterdienst gestaltet, statt sie nach und nach abzuschaffen bis zum Priestertum aller. Es wurden höchstens neue Titel und Bezeichnungen übernommen, aber der fünffache Dienst hat heute, wo er eingeführt wurde, immer noch hierarchische Leitungsfunktion statt zu beraten.

So blieb die Gemeinde im Allgemeinen einer traditionellen, hierarchischen Weltanschauung verhaftet, und die westliche säkulare Welt übernahm die Änderungen, welche der Heilige Geist angestossen hatte, ohne dessen Leitung und Führung und gestaltete die neuen Weltanschauungen mit dem Menschen als Zentrum. Eine schrittweise Loslösung des Humanismus von Christentum.

Der zweite Schritt war verpasst worden. Und jetzt wundern wir uns, dass wir als Kirchen im Westen eigentlich Randerscheinungen geworden sind.

In den USA hat die Gemeinde im Allgemeinen die Änderungen der Gesellschaft des ersten Schritts nachvollzogen und wurde zu einem Unternehmen. So konnte sie sich noch etwas länger in der Gesellschaft halten.

Gott macht den nächsten Schritt. Es würde mich nicht wundern, wenn wir z.B. in den USA in einen Bürgerkrieg schlittern würden. Eine Gesundheitskrise haben wir schon. Die Parallelen sind sichtbar, aber auch geistlich spürbar.

Es kommen Jahre auf die Gemeinde zu, die sehr schwierig werden. Es wird innerhalb der Gemeinden bürgerkriegsähnliche Zustände geben. Denn die Gemeinde muss in den nächsten Jahrzehnten die Moderne und Postmoderne nicht nur zulassen, sondern mit göttlichen Inhalten gestalten, und den Schritt danach in Angriff nehmen: die integrale Stufe.

Schafft die Gemeinde dies, dann hat sie die Werkzeuge, um für jede Stufe und Weltanschauung da zu sein und relevant zu sein. Gleichzeitig kann sie die Vordenkerstellung wieder einnehmen, die sie als Gottes Werkzeug auf Erden eigentlich inne haben sollte.

Schafft die Gemeinde dies nicht, machen wir eine Ehrenrunde.

Wie schafft dies die Gemeinde? Dadurch, dass sie miteinander redet und betet. Dadurch, dass sie alte Zöpfe abschneidet. Dadurch, dass sie alles überprüft. Und dadurch, dass sie sich ganz neu erfindet.

Haben wir den Mut?

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  • Marianne

    Danke für das Aufzeigen der historischen Entwicklung der Kirche bis zum heutigen Stand. Dieser aufgezeigte Weg hilft mir in der Gedankenrichtung. Erschütterungen, Störmanöver, Neuaufbrüche und Ruhezeiten gehen ineinander über, Die Schnittstellen werden wohl öfters sehr verschieden interpretiert und werden erst in einem gewissen Abstand richtig erkannt und eingeordnet. So wie wir auch den Verlauf des eigenen Lebens in der Rückschau besser verstehen. Du, Ralph, zeigst uns die Entwicklung bis zum Heute und gibst eine Perspektive für die Zukunft der Gemeinde. Dies mit den Hinweisen auf vorangehende Schwierigkeiten, Hindernisse und Herausforderungen. Damit verhehlst du nicht, dass Jahre mit viel Arbeit, Engagiertheit und dem Willen, an Gottes Führung dran zu bleiben, auf uns zukommen. Neue Wege bahnen ist Pionierarbeit. Hier werden die reifen, für diesen Weg brennenden und zubereiteten Christen, vorangehen. Reif im Sinn von verantwortungsbewusst gegenüber Gott und Menschen.
    Diese sind Vordenker im göttlichen Sinn, so wie ich es bei dir, Ralph deutlich sehe.
    Zu der gezeigten Problematik der Gegenwart und dem Umschwung in eine andere Zukunft kam mir ein Bild in den Sinn, das ich am 19. November 2019 innerhalb einer Reihe von Bildern erhielt. Ich füge es hier dazu:
    Auf einem Platz draussen steht am Rand ein hohes, modernes Gebäude. Das erkenne ich daran, dass es im Halbrund, konvex gegen den Platz gebaut ist und metallen schimmert. Vor diesem Gebäude stehen, dem Halbrund folgend, in Abständen ein paar helle Holzbänklein. Darauf sitzen junge Menschen. Ein solches Bänklein sehe ich darauf aus der Nähe.. Auf der linken Hälfte sitzen zwei junge Leute. Die rechte Hälfte des Bänkleins jedoch ist mit Altmetall belegt. Ich weiss, dass es auf den restlichen Bänklein genau so ist. Mit dem Ausruf: „So viel Altmetall bi junge Lüüt uf Bänkli verusse!“ bin ich vom Dösen zurück in der Realität. Dieses Bild rief in mir ein paar Gedanken auf. Junge Menschen in der heutigen Zeit, aufgewachsen mit dem Neuzeitlichen in ihrem Rücken. Sie befinden sich altersmässig noch in der Entwicklung. Das entspricht der Natur, hier mit dem Holz der Bänklein gezeigt. Doch ist ihr Ruheplatz zur Hälfte belegt von Altem, nicht Aktuellem, Hinderlichem für ihr Dasein. Dieses Altmetall haben andere hier deponiert, schränken somit Möglichkeiten der freien persönlichen Entwicklung ein. Das ist nicht richtig und ein Hindernis für die hoffnungsvolle Zukunft, auf die junge Menschen ausgerichtet sind. Meine Überlegung: Wer wird das Altmetall von den Bänklein nehmen? Diejenigen, die es hier deponiert haben, weil sie die Jugend doch lieben? Oder werden es die Jungen irgendwann aus Unwillen und Ärger von den Bänklein fegen? Wer von uns Älteren und Reiferen an einem Miteinander und Füreinander interessiert ist, wer sich eine gute Zukunft für die Jugend wünscht, wird sich für den ersten Weg entscheiden: Das Altmetall von den Ruhebänklein entfernen und es entsorgen.In diesem Sinn wünsche ich mir auch das Hinterfragen von bisherigem Denken, von Bräuchen, und Erwartungshaltungen. So wie wir auch im täglichen Leben Altes, nicht mehr Taugliches, entsorgen. Das bringt so viel Entlastung, freien Raum zum Sein für alle!

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