Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.

Johannes 5:39-40

Was ist Glaube, was ist Wahrheit, was ist Realität?

Für viele Christen sind diese drei Dinge deckungsgleich. Realität wird auch in den meisten Wörterbüchern mit Wahrheit verbunden.

Doch wenn wir die Worte etwas näher betrachten, ergeben sich doch ziemliche Unterschiede – mindestens im biblischen Sinne.

Ich bin mir bewusst, dass es ist etwas ironisch ist, wenn ich jetzt die Bibel durchforste, um Jesus zu finden. Doch das ist nicht meine Absicht. Ich möchte die Barriere dekonstruieren, die wir beim Durchforsten der Bibel aufgestellt haben, um wirklich zu Jesus zu kommen.

Fast immer, wenn das neue Testament über Wahrheit spricht, braucht es das Wort aletheia. Aletheia heisst das Nicht-Verbergen, oder positiv ausgedrückt, das Offenlegen.

Jesus sagt uns, dass er von seinem Wesen her nichts von uns zurückhalten kann und wird, wenn er uns sagt, dass er die Wahrheit ist.

Wenn Jesus uns sagt, dass wir ihm nachfolgen sollen, dann heisst das: begib Dich mit mir auf eine Reise, während der ich Dir alles offenlege.

Ich denke an die Emaus-Jünger. Sie waren mit Jesus unterwegs, und er eröffnete ihnen die Schrift und zeigte auf, wo sie von ihm sprach.

Ich denke an die Offenbarung. Jesus offenbart uns Stück für Stück, wer er wirklich ist, und tötet so alles, was wir fälschlicherweise über ihn und über die Realität glauben.

Und jetzt ist schon klar, dass wir von drei verschiedenen Dingen sprechen, wenn wir von Glauben, Wahrheit und Realität sprechen.

So sagt Paulus den Athenern, dass wir in Gott leben, weben und sind.

Alles ist in Gott, dem Vater, und daher ist Gott die ultimative Realität. Somit ist Gott auch die absolute, unveränderliche Wahrheit, wie wir Wahrheit heute definieren: die Übereinstimmung von Realität und Aussage.

Wahrheit im biblischen Sinne aber ist nicht absolut, sondern wachstümlich.

Unser Glaube ist, als dritter im Bunde, eine Mischung zwischen dem, was wir von der Wahrheit erkannt haben, und dem, was wir glauben, aber nicht der Realität entspricht.

Somit sollte klar sein, das Glaube sich ständig entwickelt, und zwar im Sinne von Dekonstruktion und Rekonstruktion.

Diese Dekonstruktion und Rekonstruktion ist der Prozess, den Wahrheit verwendet, damit unser Glaube mehr und mehr der Realität entspricht.

Gott drückt diesen Prozess so aus:

Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreissen und einreissen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Jeremia 1:10

Jesus ist also Wahrheit, indem er unseren Glauben dadurch verändert,
dass er immer mehr den Schleier entfernt und uns so die Irrtümer und Löcher in unserem Glauben aufdeckt und sie gleichzeitig korrigiert und füllt, denn er hält ja nichts zurück.

Würde Jesus uns die Wahrheit auf einmal aufdecken, wäre dies wie die Flut bei Noah. Unser kleines Denken , unsere beschränkte Auffassungsgabe, unser junges Bewusstsein wären überfordert und wir würden ertrinken.

Darum liess Gott Noah hundert Jahre lang an der Arche bauen. Ich denke, dass Noah sich viele Vorstellungen zur Flut machte, sie korrigierte, weiter ausmalte, Zweifel hatte an dem was er tat, sich neu ausrichtete und aufraffte, mit Gott rang, und so in seine Aufgabe, seine Bestimmung hinein wuchs.

Das erinnert mich stark an unser Glaubensleben.

Gott ist so viel grösser, die Realität so anders als wir uns das vorstellen können. Und doch ist es Gottes Wunsch, sich und damit die Realität mit uns zu teilen. Er hält nichts zurück, und enthüllt uns mehr und mehr von sich, wie man es mit Kindern tut. Diesen Prozess und die Person, die das tut, nennt er Wahrheit.

Wir könnten es so sagen:

  • Der Vater ist die Realität, in der wir leben, und deren Quelle.
  • Unsere Weltanschauung, unsere verzerrte Wahrnehmung, unser Erklärungsversuch dieser Realität ist der Glaube.
  • Jesus ist die Menschwerdung und Christus das Prinzip der Annäherung unserer Weltanschauung an die Realität durch Offenbarung.

Jesus hat uns vorgelebt, was Leben wirklich heisst, und er hat uns gelehrt, wie die Realität wirklich ist.

Das heisst aber noch lange nicht, dass wir es jetzt wissen.

Wir interpretieren selbst Jesu Worte und Taten durch unsere Brille.

Diese Brille ist beschränkt durch unseren Glauben. Was heisst das?

Wir interpretieren im Rahmen unseres Glaubens, unserer Weltanschauung, unserer Wahrnehmung, unserer Prägung, unseres Verständnisses, und unseres Auffassungsvermögens.

Es ist so, wie wenn wir eine Karte verwenden anstelle der Realität. Wir planen eine Reise auf einer Karte, aber diese Karte ist nur ein verzerrtes und in seiner Auflösung beschränktes Abbild der Wirklichkeit.

Karten haben sich über die Jahrhunderte verbessert. Von ungefähren Handzeichnungen mit relativ wenig Bezug zur Realität sind sie dank neuen Mitteln wie Vermessung, Luftaufnahmen, Satellitenbildern bis hin zu GPS-Daten immer genauer geworden.

Doch selbst unser bestes Kartenmaterial, z.B. in den GPS-Systemen in unseren Fahrzeugen oder den Map-Programmen im Internet, hinken oft hinter der Realität her und zeigen nicht alle Details der Realität.

Unser Glaube entwickelt sich ähnlich den Karten.

Dabei gibt es zwei grundsätzliche Prozesse, die zum Einsatz kommen:

Zuerst wird die vorhandene Technik verwendet, um ein möglichst gutes Bild der Realität und eine möglichst grosse Abdeckung des ganzen Gebiets zu erreichen. Das beinhaltet natürlich auch Feinanpassung und Korrektur.

Doch dann kommt eine neue Technik. Wir entdecken, wie grobkörnig, naiv und teilweise falsch unsere Darstellung bisher war, und wir beginnen den Prozess von vorne, mit der neuen Technologie.

Was bei Karten relativ einfach ist, ist im Glauben oft sehr schwer.

Jedem ist klar, dass eine 25’000-er Karte der Schweiz eine bessere Navigation erlaubt als eine Krokizeichnung eines Pfadfinders. Und GPS-Geräte sind beiden haushoch überlegen.

Doch ein Systemwechsel im Glauben ist sehr viel schwieriger und mit sehr viel Unsicherheit verbunden. Oft scheint es einem, als würde einem der ganze bisherige Lebenssinn entzogen, der Boden unter den Füssen weggezogen. Alles, was man bisher geglaubt hat, scheint auf dem Prüfstand zu stehen.

Eigentlich geht es dabei aber um „transzendieren und integrieren“. Wir wachsen über das Bisherige hinaus, aber statt gleich alles über Bord zu werfen und anzuzweifeln, integrieren wir, was immer noch Sinn macht.

Wie sagt es die Bibel: Esst die Trauben, und spuckt die Kerne aus.

Wir sind an einem solchen Punkt angelangt. Und wir sind in einer ganz speziellen Situation. Die Gemeinde, die Kirche hat im Allgemeinen die letzen zwei Technologiewechsel nicht mitgemacht. Sie hat sich den letzten zwei Paradigmenwechseln verweigert.

Sie hat, unter grossem Widerstand, einige neue Teilaspekte in die alte Weltanschauung integriert, sich aber dem Systemwechsel entzogen.

Wir sind tatsächlich wie die Emaus-Jünger, die die Entwicklung nicht wahrgenommen haben. Jesus spricht mit uns seit Jahrhunderten, er offenbart uns Wahrheit, hält nichts zurück, aber wir sehen und hören es nicht richtig.

Ich glaube, der Zeitpunkt ist gekommen, an dem Jesus wieder einmal das Brot brechen will – und es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen. Dafür aber müssen wir ihn auffordern, mit uns ins Haus zu kommen und zu essen.

Wir sind am Punkt eines radikalen Wechsels unseres Glaubens angelangt. Wenn wir uns darauf einlassen, wird unser Glauben mehr der Realität, also der absoluten Wahrheit entsprechen. Wird er deckungsgleich sein mit der Realität? Kaum. Aber eine bessere Annäherung.

Lassen wir uns darauf ein? Jesus hat uns versprochen, er hält nichts zurück.

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  • Marianne

    Ich habe bei mir zu Hause ein Gobelinbild hängen, das ein Stillleben mit Früchten zeigt. Dieses habe ich kurz vor meiner Hochzeit selber gestickt, es mit einem breitem Goldrahmen versehen lassen und es meinem Mann geschenkt. Seit über vier Jahrzehnten hängt es nun an der Wand. Es sieht immer noch gut aus und gefällt.
    Vor einigen Monaten betete ich um ein bestimmtes Anliegen für eine mir bekannte Person. Darauf sah ich ein Bild, ähnlich dem meinen, das ebenfalls ein Stillleben mit Früchten zeigte und an einer Wand hing. Da kam eine Hand und hob das Bild leicht an, so dass darunter die weisse Wand sichtbar wurde. Ich sah, dass sie sehr dünn war und drei bis vier gefährliche Löcher aufwies. Mir wurde klar, dass diese schwache Wand das Bild nicht mehr lange tragen würde.
    Ob die betreffende Person das Bild gerade an dieser Stelle aufhängte, weil sie um die Schwäche und die Löcher wusste, und sie verbergen wollte? Oder ob die Wand zu Beginn nur schwach war und durch das Gewicht des Bildes Löcher bekam? Ich weiss es nicht. Die Erinnerung an dieses Bild stieg in mir auf, als ich diesen Abschnitt im vorliegenden Artikel las:
    „Jesus ist also Wahrheit, indem er unseren Glauben dadurch verändert,
    dass er immer mehr den Schleier entfernt und uns so die Irrtümer und Löcher in unserem Glauben aufdeckt und sie gleichzeitig korrigiert und füllt, denn er hält ja nichts zurück.“
    Deine Worte gehen weiter als das gezeigte Bild. Du zeigst, dass Jesus gekommen ist, nicht um zu richten, sondern um zu korrigieren und zu füllen. Um wieder auf das Bild zu kommen: Dazu braucht es die Bereitschaft des Besitzers /der Besitzerin, es von der Wand zu nehmen und den Zustand dahinter zu offenbaren. Schwäche und verursachten Schaden durch Aufdecken zuzugeben, so dass Jesus helfen kann. Dies kann nur freiwillig sein, wäre jedoch das Richtige. Der Einbruch der Wand würde wohl Wand und Bild beschädigen.
    Ich gebe zu: Lernen ist nicht immer einfach. Nicht, weil das Können oder die Einsicht, dazu fehlen, sondern weil es schwierig ist, den Selbstschutz aufzugeben.
    Das Ganze kann vielleicht auch als Gleichnis für die Kirche in unserer Zeit stehen. Vielleicht zeigst du in einem andern Artikel die zwei verpassten Paradigmenwechsel auf? Sie würden mich interessieren.

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