Öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder in deinen Lehren (Torah).

Psalmen 119:18

Wenn ich mir etwas vorstelle, sehe ich keine Bilder vor meinem geistigen Auge. Wenn ich mich an einen Ort erinnere, an dem ich früher war, kommen keine Szenen auf in meinem Kopf. Wenn ich etwas gestalte oder zeichnen möchte, habe ich keine bildliche Vorlage, von der ich arbeite.

Die Wissenschaft nennt das Aphantasie. Es mit Phantasielosigkeit zu übersetzen, wäre falsch, genauso wie es nicht stimmt, dass ich keine Vorstellungskraft hätte. Mir fehlt nur die Bildlichkeit.

Aphantasie ist seit einigen Jahrzehnten als Phänomen bekannt, aber wenig erforscht. Ich kann mich also hier nur auf meine eigenen Erfahrungen stützen. Diese müssen überhaupt nicht mit den Erfahrungen anderer übereinstimmen, sind wir doch komplexe Wesen, die immer wieder versuchen, die verschiedensten Phänomene auf einfache Art zu erklären.

Vorstellungskraft ist meine grösste Stärke gemäss dem CliftonStrengths Assessment. Auch ohne Bilder.

Aphantasie ist wahrscheinlich für viele Menschen kein Problem. Extravertierte Menschen können wahrscheinlich damit leben, ohne es je zu bemerken. Ich selber bin introvertiert, schöpfe meine Kraft aus dem Alleinsein. Ich verbringe sehr viel Zeit in meinen Gedanken.

Die Welt in mir ist viel reicher, bunter, spannender, interessanter, lebendiger als die Welt da draussen. Ohne Farben, ohne Bilder, ohne Gerüche, ohne Geschmack. Wie das?

Ich habe vor einiger Zeit erklärt, wie ich denke. Ich habe ein detailreiches Bild erstellt von einer Bibliothek mit sich wiederholenden Nischen, mit Schreibtischen und Leseecken, mit Büchern und durch Bänder dargestellte Assoziationen zwischen diesen Büchern.

In dieser Bibliothek führe ich hunderte von Gesprächen gleichzeitig. Ein paar davon sind mir ständig präsent, eine steht im Vordergrund, und wenn ich mich durch die Bibliothek bewege, kann ich hineingehören in die verschiedenen Gespräche. Es fällt mir leicht, zwischen den Gesprächen hin und her zu schalten, denn ich spreche immer mit mir selbst.

Aber wie kann ich mir diese Bibliothek vorstellen, wenn ich kein Bild davon sehe? Wie komme ich überhaupt auf die Idee, meinen Verstand als Bibliothek zu beschreiben?

Ich höre Geschichten. Diese Geschichten verfeinern sich über die Zeit hinweg. Und plötzlich stimmen sie für mich. Die Entwicklung der Geschichte hört dann nicht auf, auch wenn ich sie vielleicht zu dem Zeitpunkt niederschreibe oder veröffentliche.

Details kommen hinzu, Zusammenhänge werden geschaffen, das grössere Bild entsteht. Aber viel mehr noch gelangt diese Geschichte irgendwann zur Anwendung.

Dies geschieht auf verschiedenste Arten. Manchmal kann ich eine meiner Geschichten jemandem erzählen, und er versteht intuitiv. Manchmal kann ich die Prinzipien der Geschichte auf neue Situationen anwenden. Manchmal fühle ich mich einer Situation einfach gewachsen, weil sie mich an eine der Geschichten erinnert.

Die Geschichte der Bibliothek erscheint mir wie eine Meta-Story. Alle anderen Geschichten sind eingewoben in diese, entspringen den Büchern in der Bibliothek und werden in neue Bände geschrieben, die vernetzt, verbunden und verwoben mit all den anderen Geschichten wiederum in der Bibliothek ihren Platz finden.

Weil ich mir keine Bilder mache vom Erzählten, müssen weder die Geschichten noch die Dinge und Handlungen, von denen sie erzählen, existieren oder Sinn ergeben. Und andererseits existieren sie, weil ich die Geschichte erzählt habe, und werden im richtigen Moment auch Sinn ergeben. Darauf vertraue ich.

Einige der Geschichten, die ich mir als Kind erzählte, beginnen heute Sinn zu machen, manifestieren sich sogar. Andere scheinen Utopien zu sein, die niemals umgesetzt werden können. Und einige spenden meinem Sein einen tiefen Sinn, ohne dass ich unbedingt weiss, warum.

Wer hat das noch nie erlebt: ein Erlebnis, ein Film, eine Geschichte, eine Begegnung, die auf tiefer Ebene Sinn macht, die wir uns aber nicht erklären können. Etwas, das wir akzeptieren, ohne zu wissen, warum. Das ist Glaube für mich.

Weil ich mir keine Bilder mache, habe ich auch keine Angst. Ich kann in meinen Gedanken überall hingehen. Angst habe ich in der wirklichen Welt, denn dort sehe ich durchaus Bilder. Offensichtlich, denn ich bin nicht blind.

Weil ich keine Angst habe, war ich in Gedanken an Orten, an die ich mich nie getrauen würde, würde ich sehen im Sinne von bildlicher Vorstellungskraft.

Ich war in der Hölle. Ich war im Abgrund meiner Seele, im Schatten, im Unbewussten. Ich war in der Unterwelt wie Orpheus. Ich war im Himmel.

Dadurch, dass ich keine Bilder generiere in diesen Momenten, reagieren meine Amygdalae nicht mit Kampf, Flucht oder Starre.

Und weil ich mir keine Bilder mache, habe ich kein Problem, einer Geschichte zu glauben, sie als wahr zu sehen, auch wenn sie nie geschah.

Warum erzähle ich all dies?

Für mich ist die Bibel eine solche Bibliothek. Die Geschichten der Bibel sind über Generationen entstanden, haben sich verfeinert, haben an Tiefe und Symbolik gewonnen. Sie sind im Sinne des Wortes archetypisch. Grundlegende beispielhafte Geschichten für die tiefsten Prinzipien des menschlichen Wesens und Handelns.

Ich kann die Frage nicht verstehen, ob es denn je eine Flut gegeben habe. Ich weiss nicht, warum dies wichtig sein sollte. Die Geschichte der Flut ist wahr, ob Noah gelebt hat, oder ob er den Menschen repräsentiert, der im Angesicht der Katastrophe die Ruhe (Noah heisst Ruhe) bewahrt, weil er vorbereitet ist und Gott vertraut.

Ich kann die Frage nicht nachvollziehen, ob die Erde in sechs Tagen geschaffen wurde. Ich sehe die Geschichte des Paradieses als Bewusstwerdung des Menschen und Aufforderung, sich dem eigenen Schatten zu stellen.

Diese Geschichten werden so erzählt, dass jeder davon profitieren kann, vom Kind bis zum Weisen. Das Kind liebt Gott, weil er Noah und alle Tiere in einem Boot gerettet hat. Der Weise geht hoffentlich tiefer und schert sich nicht darum, ob das Boot je existierte.

So funktionieren gute Märchen, Kindergeschichten, Kinderfilme. Gemacht, so dass Kinder sie lieben und davon lernen, sprechen sie uns Erwachsenen auf ganz anderen Ebenen an.

Leider gibt es viele Menschen, die die Überreste von Noahs Arche suchen, um die Wahrheit der Bibel zu beweisen, die tiefere Wahrheit aber nie sehen.

Ich sehe, vielleicht gerade deshalb, weil mein inneres Auge nicht im klassischen Sinne sieht. Vielleicht musste Paulus deshalb drei Tage blind sein, damit er sah.

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