Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.

Apostelgeschichte 1:11

Jesus starb, aus den verschiedensten Gründen. Über die Jahrhunderte haben die Menschen verschiedenste Theorien entwickelt, warum Jesus sterben musste.

War es zur Besänftigung des Zornes Gottes? War es zur Vergebung unserer Sünden? War es, um konsequent Mensch zu sein, der Mensch, der den Auftrag, Gott zu empfangen und zu reflektieren bis zum Ende, ungeachtet der Konsequenzen, durchzog?

War es, um die Zeit zu symbolisieren, die für jeden Menschen nach Jesus wichtig ist, die Zeit, in der der vermenschlichte Gott da draussen, der mythische Gott sterben muss, um befreit von vielen Clichés wieder aufzuerstehen?

Verfolgen wir doch einmal den letzen Gedanken etwas weiter.

Unser Bild von Gott war und ist oft noch, gemäss unserem Verständnis und Denkvermögen, sehr menschlich. Gott wird zornig, empfindet also Emotionen. Gott hat Arme, die er bewegt. Gott fordert Opfer, auch wenn er dies einschränkt: Gehorsam ist ihm lieber, aber er weiss, dass wir das nicht hinkriegen.

Gott hat Augen, einen Thron, lebt an einem bestimmten Ort, den wir Himmel nennen. Er braucht Boten, um den Menschen etwas mitzuteilen. Er trägt Kleider, denn der Saum seines Gewandes füllte den Tempel.

Gott will Unterordnung, funktioniert hierarchisch. Und Gott will Anbetung und Lob.

Die meisten Götter, die Menschen sich erschufen, sind nicht viel mehr als glorifizierte Menschen. Die griechischen Götter haben alle ins Absurde gesteigerte menschliche Eigenschaften. Einige davon sind ihre Stärken, und darum sind sie als Gott dafür zuständig. Andere wiederum sind ihre Schwächen. Daher gibt es mehrere Götter. Gott selbst ist einer, denn er hat keine Schwächen.

Gott ist uns Menschen begegnet und hat sich so weit offenbart, wie es die Menschen zu jeder Zeit überhaupt fassen konnten.

Das alte Testament ist ein Dokument der Offenbarung Gottes, aber auch der Interpretation Gottes durch die jeweilige Zeit.

Gott ist es wichtiger, uns wachsen zu sehen, als uns sofort zu korrigieren. Er lässt es zu, wenn wir ihn immer wieder in neue Boxen stecken. Er vertraut dem Prozess der immer grösser werdenden Erkenntnis, solange wir an den Strom der Weisheit angeschlossen bleiben. Er weiss, dass ein Kind noch nicht alles verstehen kann. Er hat Zeit und Glauben.

So lässt er es zu, dass er stirbt. Zuerst in Jesus. Dann in der Zerstörung des Tempels. Später ruft Nietzsche es mit Bedauern aus: „Gott ist tot.“ Nun lebt es die Gesellschaft aus.

Und doch ist er auferstanden. Er offenbart sich während einer gewissen Zeit nur wenigen Menschen, denen er vertraut. Während dieser Zeit wandelt sich das Bild, dass diese Menschen von ihm haben.

„Ich bin noch nicht verwandelt“, sagt er zu Maria, „Du kannst mich noch nicht fassen. Ich entspreche noch zu fest dem Bild, das Du von mir hast.“

Manche erkennen ihn nicht. Andere glauben nicht. Wieder andere haben Angst oder geben auf.

Doch wer durchhält, erhält ein neues Gottesbild. Er ist weg und doch da. Er verlässt uns nicht. Er lebt in uns. Er lebt durch uns. Er hat gezeigt und dafür gebetet, dass wir eins sind mit Gott.

Wenn wir den Vers, über den ich heute spreche, lesen, dann erfüllen wir uns damit oft eine Hoffnung. Was meine ich damit?

Im Griechischen lautet der Text so, wie Luther es hier übersetzt: Jesus wird so wiederkommen, wie …

Wir lesen: auf die gleiche Art, in derselben Weise (Menge, NGÜ, SCH), genauso (Hoffnung für Alle, Neues Leben, NZB), ebenso (Elberfelder).

Unser Gottesbild ist ein äusserliches. Der mythische Gott des alten Testaments lebt da draussen. In gleicher Weise wird also genau so interpretiert. Er ist in die Wolken aufgestiegen, also wird er aus den Wolken zurückkehren.

Dieses Verständnis liegt auch der Offenbarung nach Johannes zugrunde. Die Offenbarung des Johannes möchte uns darin bestärken, dass diese Welt am Ende begreifen wird, dass Jesus wirklich der Sohn Gottes ist, es dann aber zu spät sein wird. So jedenfalls interpretieren wir sie.

Hier wird auf ein früheres Gottesbild zurückgegriffen: Gott als Machtgott. Er wird es allen zeigen.

Doch auch dieses Bild des Machtgottes musste am Kreuz sterben. Es geht Gott nicht darum, seine Macht zu beweisen. Es geht Gott darum, uns aufwachsen zu sehen. Was für ein Vater möchte sich gegenüber seinem Sohn als der letztendlich Stärkere beweisen? Ein menschlicher Vater vielleicht. Wieder eine Projektion unser selbst auf Gott, die am Kreuz gestorben ist.

Jesus ist jetzt König aller Könige. Sofort kommt wieder das Bild einer Hierarchie. Jesus ist schliesslich mehr Wert als wir alle zusammen, sonst könnte er ja nicht wirkungsvoll für unsere Sünden gestorben sein. Also gebührt ihm der Platz an der Spitze der Hierarchie.

Und doch gibt uns Jesus ein ganz anderes Bild: er nennt uns Freunde. Wir sind eins mit ihm und dem Vater. Er regiert mit uns. Wir sind in der Gemeinschaft der Erstgeborenen.

König aller Könige kann und darf verstanden werden als: er ist der Archetyp, die Vorlage, das Muster für die Art von König, die wir sein dürfen.

Als Hohepriester hat er den Weg gebahnt ins Allerheiligste für uns alle. Jetzt braucht es keinen Hohepriester mehr. Jesus wird immer derjenige sein, der diesen Weg gebahnt hat. Aber jetzt haben wir alle Zugang, eins mit ihm sind wir alle der Hohepriester.

Das Wort, dass die meisten Übersetzungen mit in derselben Weise übersetzen, heisst einfach so. Jede Interpretation davon ist genau das: Interpretation.

Ob dieses so modal gemeint ist, also die Art und Weise festlegt, oder besser mit so sicher wie übersetzt werden sollte, ist Interpretation.

Die erste Generation hat diesen Weg in der Gemeinschaft nachvollzogen, den Jesus als Individuum vorgezeigt hat. Es ist die Befreiung vom äusserlichen Gottesbild und Gottesdienst. Am Ende steht die Zerstörung des Tempels und der Opfer. Am Ende steht die Erkenntnis: Gott liebt uns bedingungslos. Alle Bedingungen sind erfüllt. Wir sind seine Erstgeborenen.

Seither ist es die Menschheit, die diesen Weg nachvollzieht. Auch die Menschheit durchläuft die Phase von Gottes Tod und darf daraus mit einer Ahnung erwachen, dass Gott auferstanden ist. Noch ist er nicht fassbar, noch erscheint er den Wenigen. Doch eines wird uns klar: er ist nicht mehr da draussen. Wir haben ihn befreit von all dem mythischen Gewand, mit dem wir ihn bekleidet haben.

Interessanterweise sind es diejenigen, die ihm am treusten ergeben sind, für die die Reise am schwersten ist.

Für sie bedeutet Gottesdienst die Anbetung genau dieses fassbaren Gottes der Ordnung. Sie fürchten das Chaos von Gottes Tod, denn genau dieses Loslassen wurde als geistlicher Tod definiert, der in die Hölle führt. Denn ein mythischer Gott muss bestrafen, weil er gerecht ist. Wieder eine Projektion.

Und doch ist es richtig: das Loslassen unseres Gottesbildes, der Tod des mythischen Gottes führt in die Hölle. Wir empfinden dieses leben als moralloses Chaos, in dem wir auf uns selbst gestellt und geworfen sind, in dem wir dem Drachen begegnen, der wir selbst sind.

Aber es ist nicht Gott, der stirbt. Es ist das Bild von Gott, das stirbt. Und wir haben das Versprechen, dass er auferstehen wird. Nur wird er anders sein, und das fürchten wir, weil wir es nicht kennen. Doch im Vertrauen auf ihn dürfen wir uns dem Unbekannten stellen, den Drachen besiegen, der dort lauert, und den Schatz erbeuten.

Er hat den Drachen besiegt. Der Drache ist nun, Petrus nennt ihn Löwe, als er davon spricht, unser Problem. Er existiert nur noch in unseren Vorstellungen, ist aber da sehr real. Weil wir ihn als mythische Projektion des Bösen ausserhalb von uns sehen. Auch der Satan muss sterben.

Satan ist jetzt, was er schon immer war: das Prinzip des Egoismus, das Ego selbst, die Weigerung, Gott zu reflektieren, das Ego als Quelle und Ursprung.

Was, wenn Jesus gar nicht als Person wiederkommt? Was wenn er in uns wachsen möchte, wenn er möchte, dass wir Christusidentität werden, und er so durchbricht in diese Welt hinein? Sozusagen aus der Wolke seiner Zeugen?

  • Marianne

    Ich realisiere, wie oft das Neue Testament von wachsen, reifen und der angestrebten Einheit darin spricht. Und immer zielt dieses Wachstum auf uns Menschen in Bezug auf unsere Gottesbeziehung. Dass dabei unser Gottesbild eine wesentliche Rolle spielt, davon sprichst du Ralph, in diesem Eintrag. Dieses zu hinterfragen, kann gerade dann schwierig sein, wenn wir schon lange den Glaubensweg gehen. Wir haben Vorstellungen und Haltungen angenommen, die uns Sicherheit geben. Doch wie du schon einmal gesagt hast, Sicherheit ist nicht dasselbe wie Glauben. Immer wieder sagen wir doch, das Christentum ist eine Beziehungsreligion, nicht eine Gesetzesreligion. Beziehung baut auf Vertrauen auf. Ich möchte mit Gott, mit Jesus vertraut werden, ihn kennen, seine Beziehung zu mir erleben, erfahren; so seiner Liebe zu mir sicher werden, nicht meinem Tun vertrauen. Darin Wurzeln wachsen lassen, bis mich diese Liebe sicher trägt. Dieser Stand erlaubt es mir, auch so ungewohnte, nirgends sonst gehörte Gedanken, wie sie mir in deinen Artikeln, lieber Ralph, begegnen, zuzulassen. Manchmal, beim ersten Lesen mit teilweiser Ablehnung, aber auch Zustimmung. Ich bewege dann Gedanken, die mir zunächst ein Dorn sind, lese zu einem späteren Zeitpunkt den Eintrag ein zweites, vielleicht auch ein drittes Mal. Bei diesem Lesen ist mir der Text nicht mehr unbekannt und ich habe mehr Spielraum, auf die vorgeschlagene Perspektive gedanklich einzugehen. Der Drache der Verteidigung des Gewohnten verzieht sich dann sehr oft, macht Platz und lässt freien Raum und Möglichkeiten sehen. So erging es mir auch hier. Jesus als Archetyp des König durch sein Leben : Ja, weil er das Wesen Gottes und nicht die Macht gelebt hat. Er als Hohepriester, wir mit ihm Hohepriester: ein ungewohntes, noch etwas zögerliches Ja. Doch weil ich in ihm Teil an seinem Wesen habe und so vor dem Vater priesterlich in Jesu Namen bitten, einstehen darf: Ja. Jesus kommt wieder: In uns, durch uns, je mehr wir sein Wesen leben, Jesus wird als Christus, den Gesalbten, sicht- und erlebbar durch unser Gewachsen sein in der Einheit und der Liebe Gottes: Ja. Dass Jesus auch als Person wiederkommt: ich plädiere für beides: Durch uns und auch als Person. Dass wir Gott zu oft vermenschlichen, stimmt. Thron, Tempel , Kleid: Wir sehen die Gegenstände vor uns. Gott aber schreibe ich durchaus Gefühle zu. Denn wie könnte er diese nicht haben, wenn ich sie als seine Tochter habe? Ich fühle mich bei ihm geborgen, weil er für mich unveränderliche Gefühle der Liebe, des Bejahens hat. Gerade dadurch wird mein Inneres, mein Selbst, berührt, erfasst, umgewandelt.
    Schwimmen im tiefen Ozean seiner zusagenden, tragenden Liebe. Ohne Angst, weil ich darin niemals untergehen kann.
    Ich werde weiterdenken, mich gerne inspirieren lassen, gerne Feedback geben. Der Weg ist gut, die Herausforderungen notwendig, Wachstum wird Freude sein. Zukunftshoffnung sind die verheissenen Durchbrüche.
    Sei und bleib gesegnet
    Baruch ata
    Marianne

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