Doch Gott erklärt uns aus Gnade für gerecht. Es ist sein Geschenk an uns durch Jesus Christus, der uns von unserer Schuld befreit hat.

Römer 3:24

Ich bin immer weniger davon überzeugt, dass Jesus starb, um die Gerechtigkeit des Vaters zu erfüllen, seinen Zorn zu stillen, und ihn mit uns zu versöhnen.

Was meine ich damit?

Wir gehen in unserem Narrativ der Bibel davon aus, dass der Mensch gut und unsterblich geschaffen wurde, und zwar direkt geschaffen wurde aus Erde, belebt durch den Odem Gottes.

Heute ist der Mensch ganz offensichtlich nicht mehr so. Etwas muss geschehen sein.

Der Fall brachte so alles Mögliche, Schlechte in diese Welt: Zerfall, Tod, Krankheit, und vor allem die Sünde. Diese Sünde korrumpierte den Menschen, so dass er von Geburt an schlecht ist und Gott keine Gemeinschaft mit ihm haben kann.

Erst durch den stellvertretenden Tod Jesu ist es Gott möglich, diese Gemeinschaft mit uns wieder zu pflegen. So können wir wieder zu Gott gelangen.

Dieses stellvertretende Opfer wurde uns schon im alten Testament aufgezeigt, beginnend mit Abel, Abraham, bis zu den Tieropfern im mosaischen Bund. Aussagen wie „Gehorsam ist besser als Opfer“ unterstreichen den Zusammenhang zwischen den beiden.

Durch Jesu Tod aber ist alles wieder hergestellt, und die Gnade darf und kann wieder fliessen.

Und hier beginnen die Probleme: Ist denn die Gnade, die Liebe Gottes an Bedingungen geknüpft?

Die Übersetzung, die ich gewählt habe für den Vers oben, zeigt dies nicht direkt an. Andere übersetzen genauer: „durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ Die folgenden Verse machen es deutlich:

Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden.

Römer 3:25

Also, die Gnade ist durchaus an eine Bedingung geknüpft: den stellvertretenden Tod Christi.

Das widerspricht dem ganzen Bild des Vaters, welches Jesus in den Evangelien aufzeigt: der bedingungslos Liebende.

Noch ein paar weitere Gedanken:

Nach dem sogenannten Fall ist es Gott, der auf den Menschen zugeht, und der Mensch, der vor Gott flieht.

Die Aussage, dass nach dem Essen vom verbotenen Baum der Mensch sicherlich sterben soll, muss nicht bedeuten, dass er davor nicht sterben musste. Er kann auch auf den Irrtum im Denken des Menschen hinweisen, dass er wie Gott, also unsterblich sein werde.

Eine andere Auslegung: der Mensch wird sich bewusst, dass er sterben muss. Ein Tier ist sich dessen nicht bewusst, ausser vielleicht in den letzten Stunden. Es plant sein Leben aber nicht im Bewusstsein seiner Endlichkeit. Adam und Eva auch nicht, bevor sie Bewusstsein erlangten.

Wenn es nur auf den Tod Jesu ankommt, wird sein Leben kleiner gemacht. Richtig Mensch zu sein ist dann sekundär zum Glauben an Jesu Tod.

Wie könnte es sonst noch sein?

Der Mensch ist auf die gleiche Weise entstanden wie die Tiere – beide sind Produkte der Erde und Gottes Geist, geschaffen von Gott. Aber nicht zwingend direkt. Vergessen wir nie, dass die Entstehungsgeschichte ein Bericht der Gotteswahrnehmung ist, inspiriert durch Gott, aber nicht diktiert, an Menschen mit kultureller Prägung und begrenzter Bildung.

Der Mensch könnte also durchaus durch Evolution entstanden sein und primär ein Tier darstellen, welches von Gott Bewusstsein erhalten hat.

Der „Fall“ wäre der Moment der Bewusstwerdung. Wie ich in anderen Beiträgen aufgezeigt habe, hat Adam zuerst die Sprache erlernt und den Dingen Namen gegeben. Ebenso hat die Evolution den Menschen mit Mustererkennung und Farbsicht ausgestattet, damit er seine Feinde (Schlange) und sein Essen (Frucht) besser erkennen konnte. Und schliesslich mit Bewusstsein: Ihnen wurden die Augen geöffnet und sie erkannten, dass sie nackt waren.

Ich möchte hier die Wurfbahn, auf welche uns Gott dann gesetzt hat, nicht wiederholen. Eine Wurfbahn, die uns Gott, uns selbst und die anderen besser erkennen lässt.

Eine grosse Erkenntnis ist die Erkenntnis von Schuld. Sei es die Schuld, Tiere töten zu müssen um zu überleben, die Schuld, unseren Stamm im Stich gelassen zu haben durch Versäumnisse oder Unfähigkeit, die Schuld, eine Regel des Zusammenlebens nicht erfüllt zu haben, oder die Schuld, Gott enttäuscht zu haben oder ihm ungehorsam gewesen zu sein.

Jede Schuld braucht Wiedergutmachung. So entsteht das Prinzip der Strafe bzw. das Opfer. Das alte Testament kennt keine Strafe, sondern nur mit der Tat untrennbar verbundene Folgen.

Folgen, die für uns doch eine Lösung brauchen. Daher opfern wir, in der Hoffnung, Gott zu besänftigen.

So haben wir allerdings zwei Verschiebungen oder Projektionen vorgenommen: Wir selber brauchen Wiedergutmachung, daher nehmen wir an, dass Gott diese ebenfalls braucht. Und wir haben Gott als Richter eingesetzt: aus den Folgen werden nun tatsächlich Strafen im Ermessen dieses Richters.

Es ist wohl eher so, dass wir die Wiedergutmachung brauchen, und nicht Gott. Er weiss, dass Leiden, Fehler, und deren Konsequenzen Teil des Lebens sind. Nur so ist das Leben verantwortungsvoll. Gäbe es keine Konsequenzen, bliebe alles Tun ohne Folgen, gäbe es keine Verantwortung. Ohne Verantwortung aber auch kein Reifeprozess, kein Wachstum.

Warum sollte Gott uns böse sein für etwas, das zwingend notwendig ist für unser Wachstum, und daher für seinen Plan, uns zu seinem ewigen Gegenüber zu machen.

Wir machen uns Vorwürfe. Wir reagieren mit Scham und fehlendem Selbstwert. Wir machen anderen Vorwürfe und schreien nach Rache. Wir brauchen den stellvertretenden Tod Jesu. Um uns mit uns zu versöhnen, und so an die Versöhnung mit Gott zu glauben.

So verliert die Sünde den bestimmenden Einfluss, den sie in unserem Leben hat. Sie ist nicht mehr trennender Ungehorsam, nicht mehr eine selbständige Kraft des Bösen, die uns verführt und beherrscht.

Neu ist sie das dem Leben abgeneigte, das Leben zerstörende Gedankengut der Scham und der Schuld. Der Tod Jesu erlaubt es uns, diese Scham und Schuld auf ihn zu projizieren. Er hat sie für uns getragen. Sein sündloses Leben ist nur notwendig, da wir sonst nicht sicher sein können, dass Gott dieses Opfer annimmt, obwohl es gar nicht darum geht.

Werden wir Menschen über diese verkürzte Sicht des Lebens Jesu und diese Konzentration auf seinen Tod hinauswachsen? Werden wir das Leben Jesu wichtiger nehmen als seinen Tod und von ihm lernen? Werden wir unsere Stellung und unseren Weg je verstehen?

Wir sind gemacht im Ebenbild Gottes und entwickeln uns durch einen persönlichen und allgemeinen Leidensweg dahin, ein Gegenüber für Gott zu werden: Jesu Braut und Leib.

Jesus ist vielmehr ein Vorbild für das wahre Mensch-Sein als ein Sühneopfer.

Werden wir Mensch.

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