Es steht geschrieben.

Lukas 4:8

Es gibt verschiedene Arten, mit Menschen zu sprechen. Wenn ich jemandem helfen möchte, Erfolg zu haben, gibt es zum Beispiel die Gebrauchsanweisung.

Ist diese nicht gerade maschinell aus dem koreanischen übersetzt, hilft sie uns mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, ein Problem zu lösen.

Das Ziel einer Ikea-Bauanleitung ist es, dass jeder am Ende seinen Billy selbst zusammenbauen kann.

Solche Anleitungen haben, wenn sie über einfache Probleme hinausgehen, oft mehrere Probleme: sie sind vom Erkenntnisstand, den Fähigkeiten in Logik und Abstraktion, der Sprachkenntnisse, und dem kulturellen Umfeld abhängig.

Die Bibel enthält interessanterweise wenig solche Anleitungen. Und viele Textstellen, die wir so interpretieren, sind es gar nicht.

Nehmen wir die 10 Gebote. Übersetzt mit der Formel „Du sollst nicht …“ stellen sie wohl die klarste Anweisung dar, die wir in der Bibel finden.

Allerdings kennt das Hebräische weder in der Sprache noch in der Kultur eine Strafkultur. Wir hören sofort: Du sollst nicht …, sonst kommt Gottes Strafe über Dich.

Eine andere mögliche, ja viel wahrscheinlichere Übersetzung ist „Du wirst nicht …“.

Ich bin der Gott, der Dich aus (Deinem ganz persönlichen) Ägypten erlöst hat. Bleib in Beziehung mit mir, und Du wirst nicht … Aus Liebe, aus Prägung, aus unserer Beziehung heraus wirst Du mich lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele, und all Deinem Verstand, und Deinen nächsten wie Dich selbst.

Doch zurück zum Thema.

Welche andere Form kommt viel häufiger in der Bibel vor? Die Erzählung, in ihren verschiedensten Formen: das Gedicht, die Prosa, die historische Erzählung, das Gleichnis.

Anleitungen richten sich an meinen Verstand, und da hauptsächlich an meinen linken Neokortex. Die Hirnhälfte, die für Logik, Sprache, Details und Dogma zuständig ist.

Erzählungen richten sich an den ganzen Menschen. Ich identifiziere ich mit einer Person in der Geschichte oder einer Gruppe, sehe die Szene vor meinem inneren Auge, male mir alles aus, fühle mit den Teilnehmern.

Warum geschieht das?

Weil die Erzählung gewisse Dinge auslässt.

Erzählungen können den Leser oder Hörer einbinden, indem sie genug Details einfügt, um als Fundament, als Sprungbrett für dessen Phantasie zu dienen.

J.R.R. Tolkien geht in seinem Büchern einen anderen Weg. Sein Hobbit wird bis ins kleinste Detail über Seiten im Buch beschrieben. Die Phantasie ist nicht mehr notwendig. Die Filme sind gut, weil sie sich genau an die Anweisungen in den Büchern halten.

Karl May hat viel der Phantasie des Lesers überlassen, wenn er mit Winnetou und Old Shatterhand über die Prärie reitet. Die Filme sind oft enttäuschend, denn sie entsprechen mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht dem Bild, das in meinem Kopf entstand.

Steht die Bibel also in der Gefahr, uns zu enttäuschen?

Mitnichten. Denn sie sucht nicht, die Wahrheit zu vermitteln im Sinne von Fakten, sondern die Prinzipien Gottes.

Wenn ich also eine Geschichte wie diejenige der Ehebrecherin, welche zu Jesus geführt wurde, lese, frage ich mich: was wurde mir hier nicht gesagt?

Warum hat Jesus eine Pause gemacht? Was hat er in den Sand gekritzelt?

Die meisten Menschen würden sagen: das ist nicht wichtig. Wichtig ist die Moral der Geschichte: Jesus hat die Leute beschämt und überführt, die ihm eine Falle stellen wollten, und Gnade geübt gegenüber der Frau, ohne ihr einen Freipass zu geben.

Andere sagen: Jesus hat die Sünden der umstehenden Menschen in den Sand geschrieben. So war es. Punkt. Alles andere macht keinen Sinn, denn er musste sie ja überführen.

Mein Ansatz ist anders. Schockierend, aber auch schockierend phantasievoll – glaube ich.

Jesus war Mensch. Er hatte eine Persönlichkeit. Hat er die Pause genutzt, um seine natürliche Reaktion durch eine gezielte und überlegte Aktion zu ersetzen? Also, um nicht aus dem Bauch heraus zu handeln? Ich weiss es nicht. Aber wenn ich an seiner Stelle wäre, hätte ich das gemusst.

Ich bin eine Enneagramm 5. Ich denke, ich denke viel, und ich denke schnell. Die erste Hälfte der Vorwürfe hätte mich bereits auf eine Suche nach entsprechenden Bibelstellen geschickt, ich hätte bereits eine Replik in Form einer Predigt bereit, und die zweite Hälfte überhört.

Andere Personen wissen innerlich genau – anhand zweier Listen – wenn etwas falsch oder richtig ist. Sie regieren entsprechend, z.B. wenn etwas Falsches geschieht mit Zorn. Heiligem Zorn, nicht Wut, da ja das Getane oder Verlangte mit Sicherheit falsch ist. Sie vergessen, dass solche Listen immer subjektiv sind.

In beiden Fällen tut eine Pause gut. Sie lässt mich reflektieren und dann agieren statt reagieren.

Andererseits sind die Menschen, welche hier ihre Anschuldigungen vorbrachten, eben auch Menschen. Die Pause nahm ihnen den Wind aus den Segeln. Die peinliche, aber auch angespannte Stille liess sie plötzlich über die Situation nachdenken. Die Mitläufern fragten sich, was sie hier überhaupt taten. Die Rädelsführer hinterfragten vielleicht ihre Motivation oder die Folgen ihrer Tat.

So aber war die Antwort ruhig, inspiriert, und überraschend, während die Menschen jetzt bereit waren zuzuhören.

Ist es so gewesen? Möglich, aber ich würde nie behaupten, dass ich das weiss.

Diese phantasievolle Ergänzung der Geschichte aber hilft mir, in ähnlichen Situationen gegebenenfalls besser zu reagieren. Eine bessere Gesprächskultur zu entwickeln.

Der Heilige Geist und die Menschen in meiner Umgebung werden mir helfen, wenn ich in Versuchung gerate, Dinge in die Erzählung hinein zu interpretieren, die dem Wort Gottes widersprechen oder einfach nicht möglich sind.

Ein Vorteil dieser Methode? Ich lese Dinge in die Geschichte hinein, welche durch meine Weltanschauung geprägt sind, also in meine Situation hinein sprechen. Dies ergänzt die klassischen exegetischen Methoden wunderbar, wenn ich belehrbar bleibe und geistgeleitet vorgehe.

Oft nützt es mir nichts in der Anwendung, wenn ich weiss, wie es damals gemeint war. Und oft ist es so wichtig, die Unterschiede zwischen der damaligen Kultur und Weltanschauung und der heutigen zu kennen.

Versuchen Sie es mal: lesen Sie mal das, was der Text weglässt, und fragen Sie sich, was Ihnen das nützt. Heute und hier.

Ich nenne diese Methode zu Ehren meines geistlichen Vaters Ernie Hammond die walisische Geschichtenerzählung. The Welsh Art of Storytelling.

Dabei suche ich nach einer oder mehreren Fragen, die die Geschichte mir stellt, und beantworte sie phantasievoll im Sinne der Bibel mit entsprechender Sorgfalt und unter Gebet.

Ein paar Beispiele:

Abraham opfert Isaak: wie kann ein Gott der Liebe das von einem Vater verlangen?

Gott holt Abraham in seiner Kultur ab. Es war normal, für grosse Anliegen ein grosses Opfer zu bringen. Götter verlangten danach. Woher wusste man das? Erfahrung. Wenn das übliche Opfer nicht den gewünschten Erfolg brachte, musste etwas Wertvolleres her, bis zum erstgeborenen Sohn.

Abraham verstand also, was Gott wollte. Es war normal. War es leicht? Nein, aber genau das sollte es auch nicht sein.

Gott liess Abraham drei Tage wandern. Dabei ging es nicht um Gehorsam. Es ging nicht um Glauben. Später, als die Geschichte geschrieben wurde, waren das kulturell die vorherrschenden Themen. Hier ging es darum, Abraham freizusetzen von seiner Kultur, seine, Gottesbild.

Gott wählte diese radikale Methode, weil er ein für alle Mal klarmachen wollte: Ich will keine Menschenopfer.

Er hätte auch einfach nie den Wunsch äussern können. Aber was hätte das gebracht? Abraham hätte am Ende seines Lebens den Schweiss von der Stirn gewischt und Gott gedankt, dass er nie seinen Sohn opfern musste. Und Isaak hätte in der selben Kultur weitergelebt. Nicht aber so. So wurden beide befreit von diesem von Menschen gestalteten Irrglauben.

Diese walisische Ergänzung der Geschichte nimmt der Erzählung die Unglaublichkeit, dem Gottesbild die Beliebigkeit.

Die Generation nach dem Exil hat dasselbe auch getan, und ihre Interpretation schriftlich niedergelegt – wodurch wir wissen, dass diese Interpretation göttlich inspiriert ist. Das heisst aber noch nicht, dass sie die einzige und ursprüngliche Intention Gottes ist.

In der Zeit nach dem Exil war der Fokus auf Glaube und Gehorsam. So wird Abraham am Schluss für seinen Gehorsam und Glauben gelobt.

Und wie ist es mit der Geschichte der sido-phönizischen Frau, welche Jesus bat, ihre Tochter zu heilen? Die Fragen, die sich mir stellen:

Wusste Jesus im Voraus, wie sie reagieren würde, und brauchte sie als Lehrstück für die Zuhörer? War er ganz Gott hier?

Lernte Jesus durch diese Frau, dass er nicht nur für die Juden gekommen war, dass auch andere Menschen Glauben haben können? War er ganz Mensch?

Unabhängig davon: Wie kann mein Jesus jemanden mit einem Hund vergleichen?

Meine Geschichte: Jesus handelte kulturell absolut richtig. Auf die Frechheit, dass ihn eine ausländische Frau ansprach, ging er erst mal nicht ein. Zur Erleichterung der Zuhörer. Als sie nicht aufgab, wies er sie ab. Dann kam eine Strafpredigt und Zurechtweisung. Und dann die für alle überraschende Wendung: er entsprach ihrer Bitte.

Zuerst sorgte er dafür, dass sich die Menschen mit ihm identifizierten, um sie dann durch den Überraschungseffekt zu überführen.

Wenn er das als Gott tat, tröstet mich der Umstand, dass er die Frau offensichtlich nicht über ihr Vermögen hinaus gefordert und versucht hat. (1Kor 10:13)

Wenn er das als Mensch tat, fass ich Mut aus der Tatsache, dass auch Jesus sein Denken verändern musste, also erlebte, was ich erlebe. (Röm 12:2)

Wenn ich seine Gesprächstaktik jetzt für heute übernehmen würde, wäre das postmoderne Publikum weg, sobald ich sagen würde, ich wäre nicht für alle da, sondern nur für die Gemeinde. Und sie würden mich aus der Stadt jagen und fertig machen, wenn ich eine Frau mit einem Hund vergleichen würde.

Die Geschichte funktioniert also nicht durch Eins-zu-eins-Umsetzung, sondern auf einer Metaebene:

Holen wir die Menschen dort ab, wo sie stehen, und überraschen und überführen wir sie, wenn sie sich identifizieren konnten mit uns.

Warum die Diskussion mit einem modernen Menschen mit der Schöpfungsgeschichte beginnen?

Warum dem postmodernen Menschen als erstes klarmachen, dass Homosexualität Sünde ist?

Jesus hatte keine Angst, gegen die Kultur seiner Zeit aufzustehen. Aber er gebrauchte sie auch durchaus als Mittel zur Lehre.

All dies funktioniert nur mit der Erkenntnis, dass das Wort Gottes wesentlich mehr ist als die Bibel. Nach Johannes 1 ist es eine Person: Jesus. Die Bibel ist in ihrer Gesamtheit nicht das Wort Gottes, sondern beinhaltet Wort Gottes. Und das Wort Gottes beinhaltet wesentlich mehr als die Bibel. Darum brauchen wir den Geist Gottes. und darum hat uns Gott Gemeinschaft gegeben.

Geist-geleitete Phantasie in einer Umgebung der gegenseitigen Verantwortlichkeit.

Ich würde mich freuen, Erzählungen zu hören, welche Fragen beantworten, die uns der Text stellt.

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