Wie sehe ich die Gemeinde der Zukunft? Wenn ich etwas ausholen darf, nehme ich Euch gerne mit auf eine Reise.

Bevor sich die Gemeinde als Christen bezeichnete, hiess sie „der Weg“.

Jesus selber sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Er selber legte das Alte Testament für seine Zeit aus und führte einige der kulturellen Wurfbahnen weiter, die Gott schon vorher initiiert hatte:

  • Die Verbesserung der Stellung von Sklaven
  • Die Wichtigkeit von Kindern
  • Die Stellung der Frau
  • Der Mensch im Allgemeinen: Armut, Fremde, Sünder

Nie hat Jesus gesagt: werdet wie ich. Paulus hat uns gesagt, dass wir ihn imitieren sollen. Jesus hat uns in eine Beziehung mit dem Vater gerufen.

Und doch identifizieren wir uns als Christen.

Ist es unsere Aufgabe, das zu tun, was Jesus tat, als er auf der Erde war? Auf jeden Fall. Aber das heisst nicht nur, zu heilen, freizusetzen und zu gehorchen. Das heisst eben auch, die Wurfbahnen weiter zu verfolgen und zusätzlich Menschen auf solche Wurfbahnen setzen.

Eine der Wurfbahnen ist die Organisation seiner Gemeinde.

Führung durch Einheit

Am Anfang war Einheit. Gott war eins mit den Menschen. Er lehrte sie, ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln. So gab er Adam die Aufgabe, jedem Tier einen Namen zu geben. Um etwas zu benennen, sind verschiedenste Fähigkeiten notwendig.

Die Offensichtlichste ist die Sprache. Aber es ist auch notwendig, das andere Wesen als von sich getrennt und unterschiedlich wahrzunehmen. Proto-Bewusstsein entsteht.

Dann gab Gott dem Menschen Entscheidungsfähigkeit. Er sollte sich dafür oder dagegen entscheiden, Gott zu vertrauen und gehorsam zu sein. Hier begebe ich mich allerdings bereits ins Feld der Interpretation: Adam und Eva wussten noch nichts über gut und böse, richtig und falsch. Also ging es nicht um Gehorsam, sondern tatsächlich um Vertrauen.

Oder es ging um den nächsten Entwicklungsschritt. Die Erkenntnis von Konsequenzen als Folge einer Entscheidung. Die Erkenntnis des Konzepts Zukunft. Und darum, dass ihre Augen geöffnet wurden. Sie erkannten, dass sie nackt waren. Was folgte, war Scham. Aber Gott begegnete ihnen und ihrer Scham.

Die Folge dieses Handlungsstrangs? Bewusstsein.

Jetzt war der Mensch bereit für die Welt, aber noch nicht wieder für den Garten der Einheit. Die Einheit mit Gott ging verloren, um bewusst wieder erlangt zu werden.

Führung durch Blutsverwandtschaft

Gott beginnt eine neue Zeit. Er spricht mit Patriarchen und bildet die Gemeinde als Familie und später als Stamm.

Blutsverwandtschaft wird zur Grundlage des Vertrauens und der Nachfolge. Sicherheit zum Ziel des Einzelnen. Der Leiter ist der Patriarch, der Vater, und später die Ältesten oder die Väter.

Abraham, Isaak, Jakob, Josef, die Stammesältesten unter Mose und Josua.

Was lernt der Mensch in dieser Zeit? Meine Familie, mein Stamm sorgt für mich. Gott spricht durch die Ältesten. Erste soziale Bindungen sind möglich, aber alles nicht blutsverwandte ist fremd und feindlich.

Führung durch Kraft

Gott beruft einzelne Helden des Glaubens, die mit seiner Kraft ausgestattet sind. Mose, Josua, die Richter, David und seine Helden.

Die Führung ergibt sie durch die Stellung, durch die Macht des Einzelnen.

Solange es einen Richter gab, folgte das Volk den Wegen des Herrn. Ohne den starken Mann machten sie, was sie wollten.

Der Mensch lernt hier ganz neue Fähigkeiten. Er entwickelt ein Ego. Er trifft explizit Entscheidungen gegen den Willen seiner Familie, seines Stammes, und setzt sie mit Macht durch.

Er lernt, Entscheidungen zu treffen, für sich selbst einzustehen, hat aber noch nicht viele Möglichkeiten, sich durchzusetzen. Er muss sich physisch freikämpfen.

Führung durch das Gesetz

Diese Führung durch Macht hat einen ganz klaren Nachteil: der mögliche Missbrauch, wie wir ihn ja auch z.B. beim Pharao, bei Saul und vielen späteren Königen sehen.

Darum gab Gott das Gesetz. Das Wichtigste am Gesetz ist seine Herkunft: eine Instanz, die über dem menschlichen Leiter steht, Gott selbst, hat es gegeben, und selbst der Leiter muss sich daran halten.

Das Gesetz installiert Ordnung und Hierarchie. Es gibt Ämter und Funktionen, wie den Propheten, König, Priester, Hohepriester. Traditionen und Rituale werden geschaffen, welche die Menschen zusammenhalten.

Denn jetzt ist es nicht mehr das Blut, welches Menschen verbindet, sondern ein gemeinsamer Glaube, gemeinsame Interessen. Andere Ausprägungen sind z.B. Nationalstaaten. Wurden die Gruppen bisher durch Blutsverwandtschaft zusammengehalten, ist es jetzt möglich, dass Menschen von Aussen Mitglied werden, wenn sie die Interessen teilen und sich einfügen in die Ordnung und Hierarchie. Ein mögliches Vorgehen: die Bekehrung.

Menschen, die sich nicht integrieren, werden durchaus zum Problem in diesen Strukturen. Ich denke an Menschen, die nicht von gewissen Sünden oder Lebensmustern ablassen wollen, oder Subkulturen von Fremden in Nationalstaaten.

Führung durch Leistung

Nachdem der Mensch gelernt hat, Entscheidungen nach eigenem Ermessen und nicht nur aus Gruppenzwang zu treffen, kann er sich einer Interessengemeinschaft anschliessen. So wird er sozialisiert und seine Kraft, sein Egoismus gezähmt.

Aber Gott ist an jedem Einzelnen interessiert, genau wie er an der Menschheit an und für sich interessiert ist. So brachte er durch die Reformation das Individuum in den Vordergrund.

Der Mensch hatte es wieder gelernt, im Interesse der Gruppe zu verzichten, ja sogar eine Belohnung für sein Handeln in die Zukunft zu verschieben.

Aber der Mensch ist ein Abbild Gottes. Er möchte schaffen, kreieren, sich ausdrücken. In einer hierarchischen Ordnung ist es oft nicht möglich, sich aus seiner durch die Gruppe bestimmte Position und Bestimmung zu lösen. Ein Bauernsohn wird Bauer, ein adliger Spross Regent. Aufstieg in der Gemeinde ist nur möglich durch Salbung durch die bereits Aufgestiegenen.

Das ändert sich jetzt. Leistung wird zum Kriterium für Position. Kalvinismus ist ein typisches Beispiel dafür. Aber auch der Wahrheitsbegriff ändert sich. Es wird nicht mehr einfach geglaubt, was von oben kommt. Wissenschaft und Wirtschaft entstehen. Der Mensch verlässt seine gewohnte Umgebung und zieht in die Stadt. Eine neue Identität muss her. Sprache, Beruf, Nationalität, Wissen, Können wird identitätsstiftend.

Für viele Menschen stirbt Gott in dieser Zeit. So wie er es an Ostern getan hat. Für andere ändert sich das Gottesbild dramatisch. Gott ist nicht mehr die Instanz da draussen, im Himmel auf dem Thron, der Gehorsam fordert.

Gott ist in mir und in allem. Es ist wichtig, Wissen von Glauben zu trennen. Gott kann nicht gewusst werden, nur geglaubt. Daher wird der Aberglaube von einst, aber auch der mythische Glauben von allem befreit, was beweisbar oder beweisbar falsch ist. An Stelle von Apologetik, dem Beweis des Glaubens, tritt die Erfahrung.

Die eigene Leistung wird zum Wichtigsten. Der Leiter soll ein ausgewiesener Experte sein. Oft wird die Leistungsfähigkeit und der Erfolg sogar zum Gradmesser des Glaubens.

Der Mensch schafft sich seine eigene Welt, ja er arbeitet sogar an seinem eigenen Ebenbild, der künstlichen Intelligenz. Er lebt neue Facetten seines göttlichen Wesens aus.

Leiten durch Harmonie

Nachdem der Mensch seine Eigenständigkeit, seinen Wert durch Leistung und Kreativität ausgelebt hat, wird ihm bewusst, dass der andere genauso wertvoll ist, wie er selbst. Identität wird neu durch das Menschsein an sich definiert. Es wird wichtig, dass jeder zu Wort kommt.

Neu wird auch entdeckt, wie verschieden und verschieden begabt wir sind, weit mehr als nur die Begabung für einen bestimmten Beruf. Gott hat uns verschiedene Begabungen gegeben, welche zusammen ein Ganzes in gegenseitiger Abhängigkeit ergeben.

Geleitet wird nun durch ein Team. Hierarchien werden abgeschafft, alles wird gemeinsam entschieden. Jeder wird gehört, gemacht wird, was Konsens findet und Harmonie bringt.

Dies wird eine ineffiziente Zeit, weil nichts mehr einfach von oben entschieden wird. Hierarchien sind suspekt, da sie bisher auf fragwürdigen Qualitäten beruhten: die Starken gegen die Schwachen, die Erwählten gegen den Pöbel (Klerus gegen Laien, Adel gegen Volk, Gläubige gegen Ungläubige, Berufene gegen Schafe), die Erfolgreichen gegen die Erfolglosen.

Jede Art von Hierarchie wird jetzt abgelehnt, jede Wahrheit ist relativ (ausser der Aussage, dass Wahrheit relativ ist). Alles wird toleriert ausser dem Intoleranten – eine neue Dualität.

Aber der Wert des Einzelnen wird gestärkt. Er ist wer nicht nur in der Gemeinschaft, bestätigt durch die Hierarchie. Er hat Wert nicht nur, wenn er erfolgreich ist. Er ist Mensch, das genügt. Geliebt und begabt von Gott.

Leiten durch Kompetenz

Jetzt kommen wir in die Phase, die ich anstrebe.

Wir haben gelernt, soziale Wesen mit einem individuellen Ausdruck zu sein, uns gegenseitig zu achten, aber nicht zu unterdrücken. Wir haben Vertrauen und Unterordnung, Selbstausdruck und Entscheidungsfähigkeit, Gehorsam und Einordnung, Leistungsfähigkeit und Kreativität, gegenseitige Achtung und Konsens-Findung gelernt. Jetzt wenden wir alles zu seiner Zeit an.

Wenn es eine Aufgabe verlangt, wird eine Hierarchie basierend auf den Stärken und Begabungen der Beteiligten errichtet und danach wieder abgebaut.

Wenn es notwendig wird, werden Regeln aufgestellt. Wenn richtig, Familie geboten, Kraft gefördert, oder Initiative gefeiert.

Wenn möglich wird zusammen entschieden.

Jeder wird auf der Stufe gefördert, auf der er ist.

Leiterschaft wird nicht mehr gekennzeichnet durch klar zugewiesene Aufgabenbereiche, sondern durch Begabungen.

So bringt der Apostel die Ausführung ein, der Prophet sieht Konsequenzen voraus, der Evangelist vertritt die Aussenstehenden, der Pastor die zwischenmenschlichen Aspekte, und der Lehrer die Konzepte. Andere kommen hinzu und tragen das ihre bei.

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