Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht.

Römer 10:10

Oder wie Luther es sagt:

Das heisst: Der Glaube, in dem kurz und knapp die Erfüllung aller Gebote besteht, wird alle diejenigen, die ihn haben, im Überfluss rechtfertigen, so dass sie nichts mehr brauchen, um gerecht und gut zu sein. Ebenso sagt Paulus Röm 10: Dass man von Herzen glaubt, das macht einen Menschen gerecht und gut.

Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen

Ein erstes Mal in der Geschichte der Menschheit geht es nicht um äussere Identität, sondern um das innere Wesen. Luther deutet den Vers in Römer 10:10 anders: für ihn war der Mensch zweierlei. Ein innerer, geistlicher, und ein äusserer, leiblicher.

Heute scheint dies normal, und wir interpretieren verschiedene Stellen von Paulus entsprechend, wenn er z.B. sagt: das eine zieht mich zum Guten hin, das andere lässt mich tun, was ich nicht will.

Aber gerade die Formulierung – „ziehen“ und „tun lassen“ – deutet an, dass Paulus in typisch antiker Manier von äusseren Gewalten ausging, als er dies schrieb. Oder seien wir fair mit Paulus: dass seine Leser seine Worte so interpretierten.

Es war erst wesentlich später, dass diese beiden Elemente als der innere Mensch und nicht als Engel und Teufel auf der Schulter verstanden wurden.

In der Antike und im Mittelalter war die Identität eines Menschen klar gegeben. Die Dorfgemeinschaft und die Familie bestimmten fast immer über Beruf, Aufgabe und Stellung. Die Gemeinschaft war identitätsstiftend.

Erst die Reformation verstand, was schon immer war: wir sind Individuen, nicht gleich, aber gleich wertvoll. Die daraus entstehende Leistungsorientierung führte zur industriellen Revolution und Geburt der modernen Wissenschaft. Das wiederum führte zur Bildung von neuen Berufen, Ballungszentren, Möglichkeiten, und Nationalstaaten.

Ein junger Mensch hatte nun die Möglichkeit, das Glück in der Stadt, in der Wirtschaft zu suchen. Der verlorene Sohn in Lukas 15 zeigt uns noch die negative Konnotation auf, mit welcher dieser Wunsch in der Antike verhaftet war, aber auch die Folgen, welche diese neuen Möglichkeiten für viele hatte.

Die äussere Identität ging verloren: die Gemeinschaft des Dorfes, der Beruf des Vaters, der traditionelle Wert. Eine neue Sinnfindung, eine neue Identität musste her.

Erste Instanz der Identität wurde der Nationalstaat: die gemeinsame Sprache und Kultur ermöglichten eine grössere Gemeinschaft, führte aber leider auch zu einer Abgrenzung, territorialen Kriegen, einer Neugestaltung Europas, bis hin zu den zwei Weltkriegen.

Eine äussere Identität wird immer eine Abgrenzung vom Anderen oder Andersartigen beinhalten.

Darum ist eine zweite, mit der Identitätsfindung stark verbundene Bewegung enorm wichtig.

Das Individuum darf seinen Wert nicht nur über seinen Beitrag an die Gemeinschaft und seine Zugehörigkeit zu derselben erhalten, sondern aus sich selbst heraus.

Neben Leistung und Zugehörigkeit tritt der innere Wert eines Menschen, seine Würde.

Würde wurde in der Antike dem Helden, dem Krieger zuteil. Seine scheinbar selbstlose Hingabe an die Gemeinschaft brachte ihm den gewünschten Lohn: Anerkennung.

Luther definierte Würde anders: es war die Freiheit, die eigene Entscheidung für oder gegen Gott zu fällen – zu glauben oder eben nicht.

Luther selber brach noch nicht ganz durch, sah er doch die Entscheidung als vorbestimmt an und nur scheinbar freiwillig.

Doch der Damm war gebrochen. Rousseau dehnte die Würde des Menschen aus: Er konnte sich nicht nur für oder gegen Gott entscheiden. Rousseau sprach dem Menschen die Fähigkeit und das Recht zu, sein Potential und Glück zu verwirklichen.

Sah Luther den Menschen als Individuum, frei sich für die Gemeinschaft mit Gott und den Gläubigen zu entscheiden, und die Gemeinschaft als Gefäss und Sinn stiftende Heimat für die Entwicklung des Einzelnen, so sah Rousseau die Gemeinschaft als Verhinderer der persönlichen Entwicklung durch ihre sozialen und moralischen Normen.

Doch hatte ein Prozess angefangen: wo früher nur der Held Würde besass, und zwar nur als Knecht, der die Anerkennung seines Herrn suchte, wurde Würde jetzt dem Individuum zugesprochen.

Die parallele Entwicklung der Identitätsstiftung durch Gemeinschaft und Individuum führte dazu, dass die Würde zuerst nur den Mitgliedern der Gemeinschaft zugesprochen wurde. So waren andere Rassen, Frauen, Bürger anderer Nationen ausgeschlossen.

Und doch hat uns Luther auf eine Wurfbahn geschickt, die nicht mehr aufzuhalten ist: die Anerkennung der Würde eines jeden Einzelnen, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Nationalität, sexueller Neigung, politischer Ansicht. Die Erkenntnis, dass wir, wenn auch nicht gleich, so doch gleichwertig sind.

Ehre ist, dem anderen Identität und Würde zuzugestehen.

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