Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf dein Verständnis.

Sprüche 3:5

Für prämoderne, traditionell denkende Menschen ist es das Natürlichste der Welt: Gott existiert, er hat uns sein Wort gegeben, das Wort ist wahr und beweist wiederum, dass Gott existiert. Und wem das nicht genügt, der kann die Natur anschauen: wie kann etwas so Wunderbares entstanden sein und fortlaufend funktionieren ohne einen Schöpfer? Zu glauben bedeutet, einfach zu akzeptieren, ohne etwas mit dem Verstand zu hinterfragen.

Die Moderne akzeptiert die Herausforderung, die Natur anzuschauen, und kommt zum Schluss: unter perfekten Bedingungen oder nur durch das Prinzip der Wahrscheinlichkeit und vieler Versuche ist es durchaus möglich, dass die Natur ohne einen Schöpfer entstanden ist. Wir haben noch nicht alle Antworten, aber im Prinzip sollte das funktionieren. Was die Bibel angeht: ist das nicht ein zirkulärer Schluss, der gerade auf unserem Verstand basiert? Ich verstehe das Wort Gottes so, und darum ist es so? Sich nicht auf seinen Verstand zu verlassen bedeutet, zu glauben. Das heisst, wir dürfen erkennen, dass es keinen verstandesmässigen Gottesbeweis gibt, denn ansonsten ist Glaube nicht mehr Glaube, sondern Wissen. Es ist also gut, den Glauben zu hinterfragen. Das stärkt ihn.

Die Postmoderne geht noch einen Schritt weiter. Auch wenn es keinen verstandesmässigen Weg zu Gott gibt, so bleibt Gott doch erfahrbar. Erfahrung aber ist etwas, das man macht, nicht lernt. Insofern ist Gott für jeden anders, persönlich geprägt, und nicht vergleichbar. Mit Verstand hat ein Gotteserlebnis nichts zu tun.

Probleme ergeben sich mit allen drei Ansichten:

Prämoderne Menschen sind im Grunde fremdbestimmt und unmündig, zu mindestens aus Sicht der Moderne. Sie bilden sich keine eigene Meinung, sondern übernehmen gläubig von anderen. Oft ist, was sie als Glaube an Gott erleben, Glaube an die Vorgaben der Kirche oder einer Autoritätsperson, die ihren Glauben wiederum von anderen übernommen hat. Glauben second hand.

Das tönt harsch. Die Konsequenz dieses Denkens aber ist, dass wir unseren Verstand nicht nutzen dürfen, dass Zweifel destruktiv sind, dass Unverständliches einfach geglaubt werden muss.

Seit wir postmodernes Denken in der Welt haben, geschieht es immer öfter, dass prämoderne Menschen ihren Glauben durch ihre Erfahrungen rechtfertigen. Andererseits versuchen sie auch, modern den Glauben durch historische Fakten zu untermauern und damit zu leisten, was nicht zu leisten ist: ihren Glauben zu rationalem Wissen zu machen.

Moderne Menschen geraten oft in die Falle, die moderne Vernunftkritik falsch zu verstehen: was nicht beweisbar ist, kann nicht sein. Die Moderne aber besagt: geglaubt werden kann nur, was nicht beweisbar ist. Daher muss der Umfang des Geglaubten zu allererst von allem befreit werden, was beweisbar oder beweisbar falsch ist. Was übrig bleibt, ist wahrer Glaube.

Postmoderne Menschen definieren sich – und das ist ihre Falle – ihren Glauben gerne selbst. Es gibt kein allgemein Verbindliches. Für sie ist richtig: Glaube kann nicht rational hergeleitet und bewiesen, sondern nur subjektiv erfahren werden. Diese Erfahrungen werden aber wieder interpretiert, so dass der daraus entstehende Glauben doch verstandesmässig erfasst und erklärt wird. Nur ist die Ratio nicht mehr allgemein gültig, wohl aber geprägt von einem, zugegebenermassen persönlichen, aber doch durch Umgebung und Geschichte geprägten Weltbild.

Hat irgend jemand recht? Ich würde sagen, alle und keiner.

Glaube an Gott geht natürlich von der Existenz Gottes aus. Wenn es wahr ist, dass dieser Gott eine Beziehung mit seinem Geschöpf möchte, dann hat er sich kundgetan. Hinter dieser Kundgebung steht eine einzige Wahrheit, der real existierende Gott.

Wenn dieser Gott eine Beziehung aus Liebe möchte, die auf einer freien Willensäusserung beruht und nicht auf Wissen, dann werden die Hinweise auf diesen sich offenbarenden Gott keine rationalen Beweise zulassen, sondern Glauben voraussetzen und erzeugen.

Wenn wir als Menschen Individuen mit unterschiedlicher Geschichte und Prägung sind, dann werden wir diese Hinweise unterschiedlich verstehen und interpretieren. Die von uns wahrgenommene Wahrheit ist also immer subjektiv und kann von anderen höchstens befruchtet oder hinterfragt, aber nicht übernommen werden. Wir werden nämlich das von anderen Gesagte immer wieder interpretieren.

Doch schauen wir uns den Vers noch einmal genau an:

In den meisten deutschen Übersetzungen steht „und verlass Dich nicht auf Deinen Verstand.“ Der Verstand ist der Teil unseres Gehirns, der die Fähigkeit zu rationalem Denken hat. Diese Fähigkeit ist wachstümlich, aber beschränkt. Insofern eine wahre Aussage: verlass Dich nicht auf ein Werkzeug, welches an und für sich nicht perfekt ist.

Aber Gott hat uns dieses Werkzeug gegeben, und zugelassen, dass wir über Jahrtausende mit einem nicht perfekten Verstand auf der Suche nach Ihm sind. Er glaubt also, dass dies möglich ist. Unser Verstand war also zu jeder Zeit hinreichend für die Erkenntnis, welche uns Gott zu dieser Zeit geben will.

Zusätzlich ist der Verstand immer mit dabei, wenn es darum geht, etwas Sinn zu verleihen, etwas zu interpretieren. Wir interpretieren durch den Gebrauch der Sprache, welche einen Verstand voraussetzt und für einen Verstand Voraussetzung ist. Auch Emotionen wie Frieden werden von uns interpretiert: ist es der Friede Gottes, der mir etwas bestätigt, oder der Friede der Bekanntheit einer Sache?

Im Englischen wird der Vers anders wiedergegeben. Hier heisst es nicht Verstand, sondern Verständnis. Auch im Hebräischen geht es mehr um das Produkt des Verstandes, nicht um das Organ, die Tätigkeit oder die Fähigkeit. Das Wort kann übersetzt werden mit Verstehen, Verständnis, Unterscheidung und gerechter Handlung.

Verlass Dich also nicht auf das Ergebnis Deines Denkens. Hinterfrage immer wieder, wenn Du neue Fakten hörst, ob Deine persönliche Auslegung dem standhält, oder ob die neuen Fakten für Dich Mumpitz sind. Ändere und schärfe Dein Verständnis.

Basiere Dein Gottesbild auf der Offenbarung genau dieses Gottes. Sei Dir bewusst, dass Deine Interpretation dieser Offenbarung Stückwerk und subjektiver Natur ist. Verwende alle Deine gottgegebenen Fähigkeiten, dieses Bild zu schärfen, inklusive Deinem Verstand. Vertraue Gott auf dieser Reise, und überprüfe Dein Verständnis stetig neu.

Dabei geht es nicht um Richtig oder Falsch. Auch wenn es Dinge geben sollte, die einfach so sind, und nicht anders, ist das nicht das Mittel zu ihrer Bewertung, insbesondere nicht zur Bewertung der Offenbarungen Gottes. Gerade weil mein Verständnis Stückwerk und subjektiv ist und immer sein wird.

Wichtig ist, was Leben bringt. Auch wenn es sich widerspricht.

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