Der folgende Beitrag ist anders. Zuerst erschien diese autobiographische Kurzgeschichte auf ReadWave. Die Herausforderung? Ein Briefwechsel zwischen Personen, die sich wahrscheinlich nie schreiben würden. Inwiefern ist die Geschichte anders? Sonst nehme ich einen Bibelvers und schreibe darüber. Jetzt ist es persönlich oder zu mindestens persönlicher. Schiessen wir los:

Ich weiss, dass ein Brief von einem Sohn an seinen Vater das Natürlichste der Welt sein sollte. Nicht mit uns. Und trotzdem schreibe ich Dir diesen offenen Brief.

Ich weiss, es besteht keine Chance, dass Du ihn liest. Darum geht es auch gar nicht. Es geht hierbei um mich. Tönt irgendwie egoistisch und selbst-zentriert. Vielleicht ist es das.

Am Anfang warst Du ein guter Vater. Wir hatten einen ungewöhnlichen Start. Als Mami im Spital war mit mir, bekam sie ein Osterei – das erste Schokoladenei ihrer Geschichte. Eines dieser grossen Eier. Als sie aber nach Hause kam, hattest Du es schon ganz aufgegessen. Du hast es nicht böse gemeint. Es kam Dir gar nicht in den Sinn, dass dies falsch sein könnte.

Aber für mich und meinen Bruder warst Du in den ersten Jahren ein guter Vater. So wurde mir gesagt. Wir gingen an verschiedene Orte, taten Dinge zusammen, und Du warst da. Die unverzichtbare Pfeife im Mund, der Anzug, immer korrekt und distinguiert.

Aber dann schlug ich Dich im Schach. Das war’s. Nie wieder spielten wir ein Spiel zusammen.

Ich erinnere mich an unsere gemeinsamen Tage. Du kamst von der Arbeit, last Deine Zeitung – in den Jahren gab es noch eine Abendausgabe -, dann assen wir, genau um Punkt 6, Du gingst Deinen Fernkursen nach, und dann gingen wir ins Bett. Später sah ich, dass Du um 8 die nachrichten schautest, dann etwas Sciencefiction last, und selber schlafen gingst. Nur um das Ganze am nächsten Tag zu wiederholen.

Du hast uns schon Jahre, bevor Du tatsächlich gingt, verlassen. Darum war es kein so grosser Schock, als wir von dem Pfadfinderlager nach Hause kamen. Während unserer Abwesenheit hattet Ihr Euch scheiden lassen. Uns wurde lediglich gesagt, dass Du innert einer Woche gehen würdest. Dann nahmst Du Dein geliebtes Bild und gingst. Offen gesagt, es war fast, als hätte sich nichts geändert, da Du schon so lange keine Berührungspunkte mehr mit uns hattest.

Ich erinnere mich daran, dass mein Bruder und ich Euch ein paar Geschenke zum Hochzeitstag gemacht hatten – nur ein paar Tage bevor Du gingst. Du hast eine Flasche Wein erhalten – Wein und Pfeifen, damit konnten wir eigentlich nichts falsch machen. Trotzdem – auch wegen unseres begrenzten Budgets – habe ich Dich über all die Jahre nie eine der Pfeifen rauchen gesehen, die wir Dir gegeben haben. Mami erhielt ein paar Blumen. Später hat sie uns gesagt, wie sehr diese zum Anlass gepasst hätten. Normalerweise würden die Blumen als Grabschmuck verwendet. Das tat weh. Es liess uns glauben, dass wir den letzten Sargnagel in Eure Beziehung genagelt hätten.

In den folgenden Jahren versuchte ich, den Kontakt aufrecht zu halten. Oft fuhr ich zu Deinem neuen zuhause, auf einem geliehenen Moped, nur um für eine kurze Zeit im Treppenhaus Deines Blocks zu stehen, wo wir beide um Worte rangen. Du kamst nie.

Ich hab Dich immer noch geliebt. Ich habe den Fakt bewundert, dass die Fernuniversität keine Kurse mehr für Dich hatte, da Du so zielgerichtet und mit Disziplin gelernt und Dein Wissen aufgebaut hattest. Ich war stolz, dass Du Dir selber mehrere verschiedene Berufe beigebracht hattest. Und dies lange bevor jeder über den flexiblen Arbeitsmarkt sprach. Darum entschloss ich mich für eine Karriere, die Deiner glich. Ich fragte Dich um Hilfe um ein Computerprogrammierer zu werden, und Du gabst mir eine Telefonnummer. Keine Empfehlung, aber auch kein Gespräch darüber, wie es war zu programmieren.

Am Schluss arbeitete ich ein Jahr mit Dir zusammen. Du warst so korrekt. Ich durfte Dich als einziger duzen. Welch ein Privileg. Aber, offen gesagt, keine wirkliche Vater-Sohn-Beziehung.

Es gab diesen Moment. Den Moment, in dem ich Dich bei einem COBOL-Programm übertrumpfte. Etwas wie Stolz schien für eine Sekunde auf. Kein Wort, nur ein Blick. Da waren wir uns am Nächsten.

Nachdem Du gekündigt hattest, trafen wir uns erst ein paar Jahre später wieder. Vielleicht 5 mal zum Mittagessen. Ich studierte wieder, und Du arbeitetest in der Nähe. So durchsuchte ich die Restaurants in der Gegend, manchmal für mehr als eine Stunde, ob ich Dich finden würde. Es half, dass Du Deine festen Abläufe hattest.

Du musstest Deine Arbeitszeit nie ausrechnen. Du kamst und gingst jeden tag in der selben Minute. Alles, was Du wissen musstest, waren die Anzahl Arbeitstage des Monats, und Du hattest Deine Arbeitszeit. Du hast Deine Ferien dazu verwendet, Deine Wiederholungskurse im Militär zu absolvieren. So musstest Dir so keine neuen Aktivitäten ausdenken, das tat jemand anders für Dich.

Nach dieser Zeit wurde ich es leid, diese einseitige Beziehung am Leben zu erhalten. So warst Du für Jahre kein Teil meines Lebens.

Du hast alle unsere drei Kinder gesehen – ein oder zwei mal jedes. Entweder als wir sie Gott geweiht hatten, oder als sie vor Deiner Türe auftauchten, um ihre Vergangenheit, ihre Abstammung kennen zu  lernen. Und Du wandtest Dich ab.

Ich hab’s besser gemacht. Das kann ich in aller Bescheidenheit sagen. Ich habe drei wunderbare Kinder. Es war nicht einfach. Zu oft kämpfte ich gegen mein Erbe, meine Prägung. Zu oft fiel ich in die Muster zurück, die Du mich lehrtest. Es gab Zeiten, da rannten meine Kinder von mir davon. Aber sie kamen alle zurück. Wir haben gute Beziehungen.

Darum versuchte ich, auch wieder etwas zwischen uns entstehen zu lassen, als wir hörten, dass Du eine Operation hattest, die schrecklich schief lief.

Hier warst Du, der distinguierte, aber auch distanzierte Gentleman. Weisse Haare, keine Zähne, im Trainer, kein Gedächtnis, verwirrt, alt. Zuerst hast Dun allen gesagt, Du wolltest uns nicht sehen. Dann warst Du froh, dass wir kamen.

Es ist schwer, diese Beziehung nach all den Jahren aufzubauen. Ich kann wirklich sagen, dass ich Dir vergeben habe. Vergeben sind all die Stunden, die ich im Bett lag, mit der Angst, so zu werden wie Du. All die Situationen, in denen ich nicht wusste, was zu tun war, weil ich kein Vorbild hatte. Ich konnte ja noch nicht mal sagen, dass ich es anders machen wollte als Du – irgend etwas zu tun war ja schon anders, einfach da zu sein war mehr, als Du tatest. Aber es war keine Hilfe. Mir fehlten die Referenzpunkte.

Selbst jetzt bist Du nicht für mich da. Aber dies wäre ja die Zeit, in der der Fokus unserer Beziehung sich drehen sollte. So wie Du mich früher gewiegt und umsorgt hast, als ich klein war, so sollte ich jetzt für Dich da sein. Aber auf welcher Basis?

Warum schreibe ich all dies? Um mich zu erleichtern? Nein. Als eine Art Seelenreinigung? Nicht wirklich.

Ich möchte Dir mitteilen, dass ich Dir vergeben habe.

Und ich möchte Dir von der Güte und Grösse Gottes erzählen. Vor zehn Jahren hat Gott einen Mann in mein Leben gebracht, der wurde, was Du nie warst. Ein Vater. Ein Mann, zu dem ich gehen kann, wenn ich nicht weiter weiss. Ein Mann, mit dem ich meine Erfolge und Misserfolge teilen kann. Ein Mann, der mich auf eine göttliche Art anleitet, ein göttliches Leben zu führen. Ein mann, dem ich vertrauen kann. Er wird da sein.

Ich bin so dankbar. Gott weiss, was wir brauchen. Er sieht unsere Nöte. Und heilt.

Ich wünsche mir so sehr, dass er auch Dich heilt.

Dein Sohn

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